Deutsche Strände gelten eigentlich als recht sauber. „Trotzdem ist Strandmüll auch bei uns ein Problem“, sagt David Pfender vom Naturschutzbund Deutschland. An der deutschen Nordseeküste liegt im Mittel fast viermal mehr Müll, als es ein Grenzwert der EU vorgibt. Das ist nicht nur nervig für Badeurlauber:innen: Aus Müll am Strand wird oft Müll im Meer, wo er Meerestieren und ganzen Ökosystemen schadet. „Man kann davon ausgehen, dass 70 bis 80 Prozent des Meeresmülls irgendwann mal am Festland lag”, sagt Pfender.

Ein Großteil des Mülls lassen Tourist:innen und Badegäste am Strand liegen, zumindest an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sammeln und kategorisieren Forscher:innen seit vielen Jahren Strandmüll. Rund 45 Prozent des Mülls stammen von Tourist:innen und Badegästen. So schreibt es das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Mecklenburg-Vorpommern, das alle Daten im Zeitraum von 2012 bis 2017 ausgewertet hat. An der deutschen Nordsee hingegen gelten Schifffahrt und Fischerei als die größten Verschmutzer. Aber auch hier ist der Tourismus laut einer Studie der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein für 20 Prozent des Mülls verantwortlich.

79 Müllteile pro 100 Meter findet man im Mittel an der deutschen Nordseeküste (Stand: 2016). Der EU-Grenzwert liegt bei 20 Müllteilen pro 100 Meter.

Was ist der Ansatz von Flensburger?

Dem Problem mit dem Strandmüll nimmt sich Flensburger 2017 an, als man in der Brauerei gerade an der Außenwirkung feilt. Man habe überlegt: “Was wollen wir als Marke eigentlich aussagen?”, erzählt Flensburgers Marketingchef Jörn Schumann. Als Brauerei verkauft man ja nicht nur Bier, sondern auch ein Lebensgefühl: oberbayerische Biergarten-Gemütlichkeit (Paulaner), ranzig-verrauchte Kiezkneipe (Astra), oder: Regenwald retten (Krombacher). Auch bei Flensburger kennt man die Aktion der Krombacher Brauerei, bei der für jeden gekauften Kasten Bier ein Quadratmeter Regenwald geschützt werden soll. Nur: Regenwald, das passt nicht so richtig zu Schleswig-Holstein. Und in Schleswig-Holstein gibt es nun mal wenig, das so schleswig-holsteinisch ist wie Flensburger Bier.

Also kümmert sich die Brauerei stattdessen um etwas mit ein wenig mehr Nord-Charme: die norddeutsche Küste. “Unsere kilometerlangen Sandstrände sind das Markenzeichen Schleswig-Holsteins”, heißt es auf der Brauerei-Website. Sie müssten “geschützt und bewahrt werden”. Dabei soll Flensburgers Aufräum-Aktion “Strandgut” helfen.

"Jedes plop' zählt." Auf den Aktionsflaschen animiert Flensburger zum Mitmachen. Foto: Felix Heck

Flensburger will Deutschlands Strände säubern und arbeitet dafür vor allem mit Tourismus-Organisationen an den meisten größeren Badeorten in Norddeutschland zusammen, unter anderem auf Sylt, Föhr und in Sankt Peter-Ording. Mindestens einmal im Jahr laden diese zu Cleanups ein, bei denen der Strand gemeinsam mit Tourist:innen und Badegästen gereinigt wird. Flensburger unterstützt sie bei ihren Aktionen nicht nur finanziell, sondern stellt auch die Müllsäcke, verteilt Strandgut-Caps und, klar, Bier an die ehrenamtlichen Helfer:innen.

Flensburger verspricht, dass pro verkauftem Aktions-Bier ein Quadratmeter Strand gereinigt wird. “Machen Sie mit”, schreibt Flensburger, “jedes Plop zählt”. Die Plops, die Flensburger bislang gezählt hat, ergeben tatsächlich eine beeindruckende Bilanz: Seit Beginn der Aktion 2017 sind laut Brauerei-Website 220 Millionen Quadratmeter Strand gereinigt worden. Allein in diesem Jahr schon über 42 Millionen Quadratmeter. Zum Vergleich: Die gesamte deutsche Küste ist etwa 2400 Kilometer lang. Geht man von einem zehn Meter breiten Streifen aus, hat Flensburger 2022 die deutsche Küste fast zweimal saubergemacht. Biertrinken gegen Strandmüll, es scheint zu funktionieren.

Kann das wirklich sein?

Dieser Frage ist unser Autor Felix Heck nachgegangen und hat dabei sogar selbst geholfen, einen Strand aufzuräumen.Während seiner Recherche hat er nicht nur mit zahlreichen Expert:innen und Flensburger gesprochen, sondern auch alle 28 Partner kontaktiert und nachgefragt, wie viel Strandfläche sie für Flensburger wirklich aufräumen.

1. Wie viel bringen die Cleanups grundsätzlich?

Grundsätzlich gilt: Strandmüll sammeln ist eine gute Sache. „Natürlich hilft jedes Stück Müll, das wir aus der Umwelt entfernen”, sagt Lars Gutow, der am Alfred-Wegener-Institut zu Plastikmüll forscht. Auch sei es sinnvoll, Müll zu sammeln, bevor er ins Meer gelangt:

»Ist der Müll einmal im Meer, ist es deutlich aufwändiger, ihn zu bergen – und die Gefahr groß, beim Rausfischen maritimes Leben zu zerstören.« Lars Gutow, Alfred-Wegener-Institut

Gutow lobt außerdem den Bildungscharakter der Cleanups: „Sie konfrontieren Menschen mit den Folgen ihres Konsums und schaffen dadurch ein Bewusstsein für das Müllproblem.“ Oder anders formuliert: Wer einmal auf Amrum Zigarettenkippen aus dem Sand klaubt, der sucht beim nächsten Mal vielleicht etwas ausdauernder nach einem Aschenbecher.

Auch scheint die Strandgut-Aktion von Flensburger auf den ersten Blick mehr zu sein als nur ein paar Bierflaschen am Strand zu verteilen: Für die Aufräum-Aktionen hat die Brauerei sich sogar ein Strandreinigungs-Fahrzeug zugelegt, den “FLENS Beachtech”, oder wie es auf der Website heißt: “Das tollste Auto der Welt”, das sogar die kleinen Müllteile aus dem Sand filtern kann. Und dann ist da noch diese Zahl: 42 Millionen Quadratmeter, das klingt nach mächtig Impact. Aber: Stimmt sie auch?

Der "FLENS Beachtech" sammelt am Strand auch die kleinen Müllteile auf. Foto: Felix Heck

2. Wie viel hat Flensburger tatsächlich aufgeräumt?

Wer überprüfen will, wie viel Strand Flensburger wirklich aufräumt, dem bleibt nichts anderes übrig, als mit allen 28 Partnern zu sprechen, die für Flensburger die Strände sauber machen, und dann zu addieren. Der Brauerei-Ticker steht bei 42.120.000 Quadratmetern. Der Flip-Ticker startet bei Null.

0 m²: 0 von 28 Gesprächen

Der wohl bislang aufwändigste Müllsammel-Faktencheck beginnt an der Ostsee in Schönhagen, zwischen Schleimünde und Damp in der Gemeinde Brodersby. Ein rauer Ostwind fegt über den Sandstrand, als Tourismuschefin Nicole Brüggen Flens-Kiste für Flens-Kiste auf die Sackkarre wuchtet. Am Fahnenmast flattert eine rote Flagge – Baden verboten. Entsprechend menschenleer ist der Strand. Heute ist Strandgut-Tag und Nicole Brüggen für alles gewappnet. Mülltüten und Plastikhandschuhe liegen bereit, das Bier ist gekühlt, Dankeschön-Pakete geschnürt. Nur das Wetter halt. Kein Mensch weit und breit.

Zweimal im Jahr picken die Schönhagener für Flensburger den Müll vom Strand. Und die freiwilligen Müllsammler:innen? “Nehmen das mit Begeisterung auf”, sagt Brüggen. Also eigentlich. “Gibt’s hier Flens umsonst?”, fragt ein Radfahrer. “Nur wenn Sie mithelfen.” Lachend winkt er ab und fährt weiter. Später bücken sich doch noch einige Strandbesucher:innen nach Zigarettenstummeln und Kronkorken.

Ein Müllsammler bei einer Aufräum-Aktion in Schönhagen. Foto: Felix Heck

Nicole Brüggen sagt: 30.000 Quadratmeter steuere man pro Veranstaltung zur Strandgut-Aktion bei. Bei zwei Aktionstagen im Jahr macht das 60.000 Quadratmeter. Wobei das an diesem Tag eine eher gewagte Zahl ist. Als es kurz vor 12 Uhr auch noch zu regnen beginnt, verschwinden selbst die letzten wackeren Müllsammler:innen ins Trockene.

60.000 m²: 1 von 28 Gesprächen

Nicht nur Flensburger räumt im Norden auf. Strände sind in der Regel öffentlicher Raum und werden als solcher von den jeweiligen Kommunen aufgeräumt. Oft sogar von den Partnern, die von Flensburger beauftragt werden. Die Organisationen, die für die Brauerei aufräumen, machen das meist also ohnehin schon. Damit Flensburger sein Versprechen hält, dass für jedes Aktionsbier ein Quadratmeter Strand gereinigt wird, wurde vertraglich festgelegt, wie viele Quadratmeter die Partner speziell für die Brauerei aufräumen. Wir fragen die Partner, wie viel sie jedes Jahr im Rahmen der Aktion reinigen – und rechnen dabei so optimistisch wie möglich. Auch im Fall einer Tourismus-Organisation, die laut eigener Aussage eher “mehrere 1000” Quadratmeter gereinigt habe als das Ziel von 800.000, rechnen wir mit der höheren Zahl.

Und dennoch: Die Zahlen, die wir von den Tourismus-Organisationen bekommen, klingen deutlich bescheidener als auf der Website der Flensburger Brauerei: 50.000 Quadratmeter in der Flensburger Förde. 180.000 Quadratmeter in Eckernförde. 550.000 Quadratmeter auf Föhr. Die Geschichte klingt oft ähnlich: Die Organisationen schwärmen von den Aktionen, betonen, wie wichtig die Aufklärungsarbeit sei und dass am Ende ja jeder saubere Quadratmeter helfe. Aber wenn es nach der Flensburger Brauerei geht, soll diese Geschichte ja nicht von Peanuts handeln, sondern von den ganz dicken Brettern.

2.060.000 m²: 14 von 28 Gesprächen

Auch nach der Hälfte der Gespräche ist unsere eigene Rechnung weit von Flensburger Dimensionen entfernt: Etwa 2 Millionen Quadratmeter nach 14 von 28 Gesprächen. Flensburger dagegen registriert allein für den August auf seiner Seite 7,6 Millionen Quadratmeter. Und das, obwohl in diesem Monat offenbar gar keine Strandgut-Aktionen stattfinden, keiner der Partner hat in diesem Zeitraum zum Cleanup eingeladen. Warum das so ist, könne Flensburger “im Augenblick nicht beantworten.” Ist die Zahl auf der Brauerei-Website vielleicht ein wenig hochgegriffen?

Der Flensburger Marketing-Chef Jörn Schumann möchte die Aktion weiter ausbauen. Foto: Jule Ahles

Hört man Jörn Schumann zu, dem Marketingchef von Flensburger, klingt es eher nach dem Gegenteil. „Ich habe jetzt fürs nächste Jahr 100 Millionen Quadratmeter als Ziel ausgegeben“, sagt er. Fast drei Stunden hat er an diesem Tag in Sankt Peter-Ording Müll gesammelt. Jetzt steht er am Strand, Flens-Sportjacke, Flens in der Hand. Nächstes Jahr soll es mehr Geld für die Partner geben: “Dann schaffen wir auch die doppelte Menge.”

2.464.000 m²: 20 von 28 Gesprächen

Je mehr Partner von Flensburger man kontaktiert, desto mehr drängt sich der Verdacht auf, dass schon die heute angeblich gereinigte Fläche vielleicht nicht ganz erreicht wird. Auf Helgoland etwa wird laut Flensburger ordentlich aufgeräumt, zumindest wird die zuständige Tourismus-Organisation als Partner auf der Website geführt. Ruft man allerdings Stephan Hauke an, sagt der Helgoländer Tourismusdirektor: “Tolle Leute bei Flens”, aber man hätte sich dieses Jahr gegen die Aktion entschieden. Das habe vor allem mit Helgolands Image als Fusel-Insel zu tun. Auf der Insel gibt es weder Umsatz- noch Mehrwertsteuer, ein Paradies für Schnäppchenjäger auf der Suche nach billigem Alkohol. Dieses Image will man nicht noch fördern. Da könnte eine groß beworbene Brauerei-Aktion blöd aussehen. Auch wenn es nur um Strandmüll geht.

Okay, blöd gelaufen, könnte man nun sagen, da hat Flensburger wohl vergessen, die Website zu aktualisieren. Doch Helgoland ist kein Einzelfall: Insgesamt acht Partner, die auf der Website geführt werden, geben an, aktuell nicht mehr dabei zu sein. Manche überrascht der Anruf: Schließlich sei die Zusammenarbeit schon Jahre her. In Schwedeneck, einer kleinen Ostsee-Gemeinde, ist man besonders verdutzt: Ja, interessiert habe er sich schon für die Aktion, sagt Manfred Mallon, der Tourismuschef. “Aber wir haben da nie mitgemacht.” Die möglichen Termine für Strandgut-Aktionen lägen zu spät im Sommer.

Schumann von Flensburger schreibt per Mail, es komme immer wieder vor, dass Partner in einem Jahr nicht teilnehmen. Man gleiche dann die Zusagen mit anderen Partnern aus. “So kommen wir in Summe dann auf unser Ziel.”

3.017.800 m²: 28 von 28 Gesprächen

Anfang Oktober haben wir alle Partner kontaktiert. Bis auf die Partner aus Dahme, Amrum, Gelting und Sylt haben gaben alle an, wie viele Quadratmeter sie in diesem Jahr für Flensburger reinigen. Unser Ticker bleibt Anfang Oktober bei 3.017.800 Quadratmetern stehen, der von Flensburger bei 42.120.000. Wie kann das sein?

Erst nach der ersten Veröffentlichung dieser Recherche legt Flensburger Vertragsauszüge vor, aus denen hervorgeht, dass sich die Partner auf Amrum, Sylt und St. Peter-Ording zur Reinigung von zusammen rund 44 Millionen Quadratmetern Strandfläche verpflichtet haben. Die restlichen Partner kommen demnach auf etwa zwei Millionen Quadratmeter.

Fleißige Müllsammler:innen auf Sankt Peter Ording. Foto: Jule Ahles

Aber ist es, abgesehen davon, überhaupt realistisch, dass an nur drei Stränden so viel gereinigt wird? Tatsächlich gehören die drei zu den größten in Deutschland. Wer mit der Organisation in Sankt Peter-Ording spricht, könnte trotzdem Zweifel bekommen, dass an den Stränden wirklich viele Millionen Quadratmeter für Flensburger aufgeräumt werden. Der Partner vor Ort veranstaltet für Flensburger zwei Cleanups im Jahr. Bei einem Cleanup, sagt der Partner, würde man etwa 1900 Quadratmeter reinigen. Auch das ist sicher eine beachtliche Leistung. Aber weit entfernt von den Dimensionen, von denen Flensburger spricht.

Es scheint also, als ob es eine schöne Vertragswelt gibt, in der Flensburger mehr oder weniger im Alleingang die ganze deutsche Küste reinigt. Und eine reale, in der nach wochenlanger Recherche fraglich bleibt, ob das Versprechen, für jedes Aktionsbier einen Quadratmeter Strand zu reinigen, auch wirklich eingehalten wird. Welche Welt gilt, weiß auch Flensburger nicht so genau: “Wir messen und kontrollieren die Quadratmeter nicht nach, sondern verlassen uns hier auf das Engagement unserer Partner.” Am Ende, muss man vielleicht sagen, ist die Aktion, mit Bietrinken den Strand zu reinigen, insgesamt eine gute Sache. Und spätestens nach dem dritten Bier zählt man die Quadratmeter auch nicht mehr so genau. Prost!


Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, die zwischen Flensburger und den Partnerorganisationen vertraglich vereinbarten Zahlen zu den Strandflächen seien nicht zu überprüfen. Auf Flip-Anfrage hatte die Brauerei zunächst erklärt: Die Verträge seien “nicht öffentlich zugänglich”. Erst nach Erscheinen dieser Recherche erklärte sich Flensburger bereit, Flip Einblick in Vertragsauszüge zu gewähren, aus denen die zu reinigenden Strandflächen hervorgehen. Wir haben die entsprechende Stelle im Text angepasst.

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