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Zustände in der Fleischindustrie
FLIP #17

Was hilft gegen die Zustände in der Fleischindustrie, Anne?

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Was Dich hier erwartet:

Liebe Anne, Investigativ-Journalist:innen schauen ja immer dorthin, wo etwas nicht so gut läuft. Das ist ihr Job. Ich habe es Dir ja aber schon angedroht: Wir wollen heute mit Dir nicht nur über die Probleme in der Fleischindustrie reden, sondern auch darüber, ob und wie es besser werden kann.

Oha. Dann leg mal los! 

Wie alles begann...

Wir fangen ganz vorne an: beim Problem. 2014 bist Du zum ersten Mal in die Welt der Schlachthöfe eingetaucht. Das Ergebnis war eine Reportage, die nicht nur Preise gewonnen hat, sondern auch politisch viel Wirbel verursachte. Sogar der damalige Vize-Kanzler hat sich bei Dir gemeldet. Worum ging es? 

Ich bin damals nach Niedersachsen gefahren, in den Landkreis Vechta, weil ich wusste, dass dort viele Schlachthöfe stehen. Eigentlich war ich da, um zu multiresistenten Keimen zu recherchieren, an denen jedes Jahr viele Menschen in Deutschland sterben und bei deren Ausbreitung auch Schlachthöfe eine Rolle spielen. Ich bin dann aber auf etwas ganz anderes gestoßen: Peter Kossen, ein Geistlicher, damals Prälat in Vechta, erzählte mir von Fleischarbeitern und Fleischarbeiterinnen, die nachts im Wald schliefen, die zu Abtreibungen gezwungen wurden und der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgeliefert waren. Er nannte sie eine „Geisterarmee“. 

Klingt ja erstmal krass, mitten in Deutschland solche Zustände. Konntest Du das sofort glauben?

Ich habe gefragt: Herr Kossen, woher wissen Sie das? Er hat mich dann an eine Beratungsstelle für diese Menschen verwiesen. Über sie bin ich mit den Arbeitern und Arbeiterinnen in Kontakt gekommen. Das waren tausende von Menschen, die meisten kamen aus Rumänien und Bulgarien. Trotzdem waren sie im Alltag der meisten Deutschen quasi unsichtbar, auch weil sie so viele Stunden gearbeitet haben. Die Schlachthöfe waren gesichert wie Gefängnisse: mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl. Die Arbeiter und Arbeiterinnen standen dort sehr dicht beieinander – das wurde dann in der Pandemie ja auch zum Problem – und haben den ganzen Tag den gleichen Schnitt ausgeführt, also zum Beispiel Schweinen den Bauch aufgeschnitten. Offiziell waren sie gar nicht direkt bei den Schlachthöfen beschäftigt, sondern über Werkverträge bei Subunternehmern. Und diese Subunternehmer waren zugleich ihre Vermieter. Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben auf Matratzen in Mehrbettzimmern gehaust. Wenn sie mit einem Vorarbeiter Probleme hatten, verloren sie nicht nur ihren Arbeits-, sondern oft auch ihren Schlafplatz. Ich habe sogar einen Arbeiter getroffen, der im Wald geschlafen hat, in einer Mulde unter Bäumen, zusammengekauert wie ein Tier.

»Die Schlachthöfe waren gesichert wie Gefängnisse: mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl.«

Anne Kunze

Als der Vizekanzler sich bei Anne meldet

Sigmar Gabriel (SPD), damals Wirtschaftsminister und Vizekanzler, schrieb Dir in einer Email, er schäme sich für die Zustände in der Fleischindustrie und wolle etwas dagegen tun. Was ist dann passiert? 

Gabriel hat mich eingeladen ins Ministerium. Er wollte unbedingt zu den Arbeitern und Arbeiterinnen fahren und mit ihnen reden. Ich habe dann mitgeholfen, das zu organisieren. Ich wollte ja auch, dass sich etwas ändert. Wir sind danach auch zusammen nach Rheda-Wiedenbrück gefahren und haben eine Führung bei Tönnies gemacht, dem größten deutschen Schweineschlachter. Später hat Gabriel Tönnies und andere Hersteller dazu gebracht, eine Selbstverpflichtung zu unterschreiben. So nach dem Motto: Wir verpflichten uns, die Arbeiter und Arbeiterinnen sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen. Das hat aber nicht viel verändert. Im Grunde blieb das System dasselbe. Über Werkverträge mit Subunternehmen wurden die Menschen weiter ausgebeutet.

Im vergangenen Jahr kam es zu mehreren Corona-Ausbrüchen in der Fleischindustrie, auch bei Tönnies. Und das ARD-Magazin Panorama deckte auf, dass Gabriel, inzwischen aus der aktiven Politik ausgeschieden, als Berater für Tönnies gearbeitet und monatlich 10.000 Euro kassiert hat. Du warst da gerade in Elternzeit. Aber ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe: Was denkt Anne dazu?

Ich hab darüber mit Gabriel kommuniziert. Er hat mir ellenlange SMS geschrieben, aus denen ich nicht zitieren darf. Vielleicht kann ich so viel sagen: Er sieht sich selbst weiter als jemand, der etwas verändern wollte. In der Beratertätigkeit für Tönnies sieht er überhaupt kein Problem. Wenn Tönnies Beratung braucht, dann hilft er ihm gern. So sieht er das.

Tagelohn in der Fleischindustrie

Quellen: Der Verdienst von Tönnies wurde anhand seines Vermögenszuwachses laut Forbes zwischen 2019 und 2020 berechnet. Das Gehalt der Werkvertragsarbeiter:innen beruht auf einer Recherche des Redaktionsnetzwerks Deutschland von 2020.

Weshalb Corona das System verändern könnte​

Immerhin haben die Corona-Ausbrüche auf den Schlachthöfen dazu geführt, dass die Politik gehandelt hat. Ja, nach den Corona-Ausbrächen hat man im Arbeitsministerium beschlossen, ok, jetzt machen wir es wirklich, jetzt schreiben wir eine Gesetzesvorlage, die es in sich hat. Die das Problem an der Wurzel packt und die Werkverträge die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Fleischindustrie verbietet, für Betriebe ab einer Größe von 50 Mitarbeitern.

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Weshalb Corona das System verändern könnte​

Wieso Anne sich mit Tierschützern anlegt

Du selbst warst lange Vegetarierin und isst auch heute nur sehr selten Fleisch. Trotzdem hast Du Dich in Deiner letzten großen Recherche, die vergangene Woche in der ZEIT veröffentlicht wurde, ausgerechnet mit der Tierschutzorganisation Peta angelegt. Wie kam es dazu?

Peta ist eine aggressiv, radikal und schrill auftretende Tierschutzorganisation. Mein Kollege Stefan Willeke und ich haben aber herausgefunden, dass ausgerechnet diese Organisation ein Abkommen mit Wiesenhof hat, Deutschland größtem Geflügelschlachter, der 4,5 Millionen Tiere pro Woche schlachtet. Nach einem Treffen mit Wiesenhof-Managern hat Peta aufgehört, sich um Wiesenhof zu kümmern – und sich stattdessen auf den Konkurrenten Heidemark eingeschossen. 

Warum macht Peta das?

Peta verhandelt mit Unternehmen, weil man glaubt, dass man nur so die Gesellschaft verändern kann. Der Weg in eine vegane Gesellschaft, die die Organisation anstrebt, führe nicht nur über Kampagnen, sondern auch über Abkommen mit der Industrie, in der diese sich verpflichtet, vegane Produkte herstellen. Bei Wiesenhof ist das Argument: Die haben eine vegane Linie von fünf Produkten. Die macht aber maximal zwei Prozent des gesamten Umsatzes aus, nur auf den Wurstbereich gerechnet! Auf den Gesamtumsatz ist es noch weniger. Trotzdem gibt Peta sich damit zufrieden.

Was wirklich helfen würde

Lass uns zum Abschluss nochmal ganz konkret darüber sprechen, wie die Zustände in der Fleischindustrie sich bessern könnten. Was müsste die Politik tun? 

Das Gesetz, das jetzt ab April in vollem Umfang gilt, ist schon ein Meilenstein. Es muss aber kontrolliert werden. Der Zoll, der dafür zuständig ist, muss neue Stellen bekommen, viel öfter und unangemeldet kontrollieren. 

Und wenn das nicht passiert?

Ich verspreche Dir: Ab April, wenn das Gesetzt voll greift, werde ich wieder losziehen und ganz genau hinschauen. Insofern: Auch investigativer Journalismus hilft. 

Was erwartest Du von Tierschutzorganisationen wie Peta?

Dass sie sich entscheiden. Man kann nicht nach außen hin als radikale Tierschutz-Truppe auftreten – und dann heimlich Deals mit Wiesenhof machen. Entweder man ist Teil der Industrie und versucht mir ihr etwas zu verändern. Oder eben nicht. Das ist eine Grundsatzfrage. Aber beides geht nicht. Und vor allem sollten sie transparent machen, mit wem sie Deals eingehen. 

Und was können Verbraucher tun?

Auch wenn es banal klingt: Weniger Fleisch essen. 

Das ist alles?

Wer nicht ganz auf Fleisch verzichten möchte und es sich leisten kann, könnte nach regionalen Erzeugergemeinschaften Ausschau halten. Das sind meist Bio-Betriebe, die mit lokalen Schlachtereien kooperieren. Da gibt es schon welche, die Menschen und Tiere okay behandeln. Im Zweifel kann man auch einfach mal hinfahren. Früher war das ganz normal. Da waren Schlachthöfe der Stolz der Städte und man konnte sogar Eintrittskarten kaufen. Heute haben wir keine Beziehung mehr zum geschlachteten Tier. Das zu durchbrechen, ist glaube ich ein guter Anfang.

Die im Interview angesprochenen Artikel von Anne zur Fleischindustrie sind für ZEIT-Abonnenten hier zu lesen: Die Schlachtordnung (2014) *** Operation Fettfleck (2020) *** Die Scheinheiligen (2021)

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