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Sneakerjagd – Episode 2

Episode 2: Die drei Toten

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Toter #1: Jan Delays Nikes

Diesen Sneakern gebührt, auch wenn sie mittlerweile nicht mehr unter uns weilen, zunächst mal eine kleine Würdigung. Denn: Es handelt sich nicht um irgendwelche Nikes. Jan Delay hat sie uns nur sehr ungern überlassen, das konnte man bei der Übergabe deutlich spüren. Denn an den Schuhen hängen Erinnerungen.

»Die hab ich getragen, als die letzte Beginner-Platte auf eins gegangen ist und wir die ganze Zeit unterwegs waren.«

Jan Delay

Auch wir hätten uns für diese Nikes noch ein langes Leben gewünscht. Denn, man sieht es auf dem Foto, sie waren noch ziemlich gut erhalten. Und klar, ein bisschen cool wäre es schon auch gewesen, wenn die Nikes von Jan Delay, den wir bei Flip alle ziemlich feiern, noch weit gereist wären. Und einem neuen Besitzer noch lange Freude gemacht hätten.

Wir haben die Schuhe deshalb an einem Ort eingespeist, von dem wir dachten: Hier stehen die Chancen wirklich gut, dass den Sneakern ein zweites Leben geschenkt wird. Denn genau das verspricht der Textilriese Zara. Wir waren in einer Filiale in der Hamburger Innenstadt. Dort steht, wie in anderen Großstädten auch, eine weiße Box, in die man alte Kleidung und Schuhe werfen kann. Oben steht: “Schenken Sie der Kleidung, die Sie nicht mehr tragen, ein neues Leben.” Darunter sieht man die Logos von Zara und dem Deutschen Roten Kreuz. Die spanische Modekette und die deutsche Hilfsorganisation haben im vergangenen Jahr das “Zara Take Back Programm“ gestartet, um „getragene Kleidung sinnvoll wiederzuverwenden“. In einem dazugehörigen Werbeclip heiß es: „Gut für die Gesellschaft. Gut für die Umwelt.“ Gutes tun sei noch nie so einfach gewesen. Also: „Rein damit!“. 

So sieht die Box aus, in die wir die Sneaker von Jan Delay geworfen haben. Sie steht in der Zara-Filiale in der Hamburger Innenstadt.

Dass wir die Sneaker von Jan Delay bei Zara zurückgeben, hat einen Grund: Die Marke steht wie kaum eine andere für Fast Fashion, also ein Geschäftsmodell, bei dem es darum geht, Mode in sehr kurzer Zeit zu sehr günstigen Preisen zu produzieren – und ständig neue Trends zu kreieren. Zara hat dieses Geschäftsmodell perfektioniert. Laut einer Studie der Beratungsfirma McKinsey wirft die Modekette pro Jahr 24 neue Kollektionen auf den Markt. Für die Umwelt ist dieses Geschäftsmodell eine Katastrophe. Die Modeindustrie produziert mehr CO2-Emissionen als Luft- und Schifffahrt zusammen. Für Inditex aber, den Konzern, der hinter Zara steckt, hat es sich bislang ausgezahlt. Im vergangenen Jahr machte er einen Umsatz von rund 20 Milliarden Euro.

Inzwischen hat man aber auch bei Zara gemerkt, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann. Oder zumindest, dass man reagieren muss, wenn die Kundschaft anfängt, sich für die Folgen für das Klima zu interessieren. Deshalb will die Modekette bis 2025 nachhaltiger werden. Und deshalb die Boxen. Nur: Was passiert dann eigentlich mit der Kleidung?

Zwei Tage, nachdem wir die Sneaker bei Zara abgegeben haben, verlassen sie die Filiale in der Hamburger Innenstadt. Das wissen wir, weil wir in beiden Schuhen GPS-Sensoren verbaut haben, die je nach Einstellung auch auf Bewegung reagieren. Wird ein GPS-Sneaker um einen gewissen Grad geneigt, wacht der Tracker auf und sendet uns ein Signal. Wenig später wählt sich einer der Schuhe, dessen Sender wir besonders sensibel eingestellt haben, in eine Funkzelle in Hamburg-Stellingen ein. Von dort sendet er am nächsten Tag auch ein exaktes GPS-Signal. Nun wissen wir ganz genau, wo er ist. Und sind ziemlich perplex.

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Von hier kommt das GPS-Signal: Eine Halle in Hamburg-Stellingen, die zur Otto Dörner Entsorgung GmbH gehört


Das Signal kommt aus einer Halle des Entsorgungsunternehmens Otto Dörner. Wir fahren hin, nähern uns den Sneakern von Jan Delay bis auf 56 Meter, können das Gelände von außen einsehen. Privatleute und Unternehmen können hier ihren Abfall abgeben. Bei Otto Dörner nimmt man fast alles an: Bauschutt, Elektroschrott, teerhaltigen Asphalt. Als Textil-Recycler aber ist Otto Dörner nicht bekannt. 

Nur noch 56 Meter von Jan Delays Sneakern entfernt: Christian und Felix von Flip

Die große Frage ist: Warum sind die Sneaker von der Zara-Filiale direkt zu Otto Dörner gegangen, laut unseren Signalen ohne Zwischenstation? Das wollen wir als erstes von Zara wissen, schließlich verspricht die Modekette seinen Kunden, der alten Kleidung “ein zweites Leben” zu schenken und verkauft das als Teil seiner Nachhaltigkeits-Strategie. Wie kann es sein, dass die noch gut erhaltenen Schuhe dann bei einem Abfallunternehmen landen?

Auf unsere Fragen antwortet Zara wochenlang gar nicht. Dann meldet sich telefonisch ein Partner der auf Krisenkommunikation spezialisierten PR-Agentur Brunswick. Er will nur im Hintergrund sprechen, zitieren darf man ihn nicht. Die Message aber ist klar: Man bezahle das Deutsche Rote Kreuz dafür, dass es sich um die alte Kleidung kümmere. Mit dem Rest habe man nix zu tun. Auf der Website der Modekette klingt das anders. Dort heißt es: „Zara kümmert sich darum, dass die gespendete Kleidung eingesammelt und in die Sortierzentren gebracht wird, wo jedes Kleidungsstück getrennt und klassifiziert wird, damit es bestmöglich weiterverarbeitet werden kann.“

Später schickt Brunswick im Auftrag von Zara noch ein knappes Statement. Darin heißt es: Entsprechend der Verträge mit dem Roten Kreuz müssten alle Produkte entweder recycelt, an Bedürftige gespendet oder zur Finanzierung von sozialen Projekten weiterverkauft werden. Also fragen wir beim Deutschen Roten Kreuz nach. Dort sagt man uns, dass die Schuhe eigentlich von der Zara-Filiale abgeholt und dann zum sogenannten Kiloshop des Roten Kreuzes in Hamburg-Altona transportiert hätte werden müssen. Dort würden sie gesichtet, sortiert und dann weiterverkauft oder an ein Textilrecycling-Unternehmen gegeben. Die Sneaker von Jan Delay aber sind laut der Signale nie im Kiloshop gewesen. Dazu teilt das Rote Kreuz nur mit: “Der Weg der erwähnten Schuhe lässt sich nicht genau zurückverfolgen.“

Hier hätten die Sneaker von Jan Delay eigentlich landen sollen. Warum es anders kam, kann das Rote Kreuz nicht erklären.

Es ist ein bisschen so, als würde man eine Frage stellen, die die eigentlich Verantwortlichen gar nicht richtig interessiert. Für Zara, vermutet Viola Wohlgemuth von Greenpeace, gehe es vor allem darum, den Konsumenten ein gutes Gefühl zu geben – damit sie anschließend unbeschwert weitershoppen. „Mit Nachhaltigkeit“, sagt sie, „hat das nichts zu tun.“

Für das Deutsche Rote Kreuz sind Altkleider einerseits Sachspenden, die an Bedürftige weitergegeben werden, etwa in den Kleiderkammern der Organisation. Sie sind durch den Weiterverkauf aber auch eine Einnahmequelle, durch die es seine Projekte finanziert. Allerdings hat sich die Qualität der abgegeben Kleidung in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert, was wiederum auch an Konzernen wie Zara liegt, die die Welt mit Billigklamotten fluten. Es ist ein verworrenes Geflecht aus Interessen und Verantwortlichkeiten. Und mittendrin: Die Schuhe von Jan Delay.

Noch eine ganze Weile senden sie uns Signale aus der Halle von Otto Dörner. Dann ist Funkstille. Für immer. Was das bedeutet? Auf unsere Fragen hat das Unternehmen trotz mehrfachen Nachhakens nicht geantwortet. Ruft man aber als unbedarfter Kunde an, heißt es: Man nehme auch Schuhe an. Sie würden dann mit dem Bauschutt zur Verbrennung gebracht.

Everdrop - was sagen die Experten

Und was sagt die Expertin?


Wir haben mit Viola Wohlgemuth von Greenpeace über das Ergebnis unserer Recherche gesprochen. Sie ist skeptisch, was die ganze Idee der Rückgabe-Box bei Zara angeht. Wenn die Versprechen dann noch nicht mal eingehalten würden, sei das um so schlimmer:

»Wenn dieser Schuh in die Vernichtung geht, ist das wirklich ein Eklat. Das darf einfach nicht mehr passieren. «

Die komplette Einordnung von Viola Wohlgemuth könnt ihr hier hören: 

Und was sagt Jan Delay dazu?

Wir haben Jan Delay erzählt, was aus seinen blauen Nikes geworden ist. Man könnte sagen: Besonders begeistert ist der Rapper nicht davon, was Zara und das Deutsche Rote Kreuz mit seinen Sneakern gemacht haben. Seine Sprachnotiz findet ihr hier: 

Toter #2: Fynn Kliemanns Vans

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Schuhe von Fynn Kliemann erzählen eine ganz andere Geschichte als die von Jan Delay. Sie führen uns ins Herz der Altkleider-Industrie.


Einspeisen wollten wir die Schuhe bei C&A.  Der Textil-Riese nimmt bei seinem Programm “We take it back” alte Kleidung und Schuhe zurück. Das geht aber nur, indem man sie einschickt. Die schon ziemlich abgerockten Vans gehen vom Postzentrum dann auch schnurstracks nach Thüringen zu Texaid, einem der größten Textilverwerter Deutschlands, mit dem C&A zusammen arbeitet. Dort werden sie immer wieder bewegt.

Ein paar Wochen später fahren auch wir nach Apolda zu Texaid. Wir sind dort mit Thomas Böschen verabredet, einem Familienunternehmer, der sich etwas selbstironisch “Lumpensammler in vierter Generation” nennt. Er führt uns rum. Es ist ein riesiges Gelände. Jeden Tag werden hier 350.000 Kleidungsstücke sortiert – davon 12.000 Paar Schuhe. Wenn man einen Eindruck bekommen möchte, welche Massen an alter Kleidung unsere Gesellschaft produziert, ist man bei Texaid genau richtig.

Thomas Böschen, der Chef von Texaid, auf fest gepressten Ballen alter Kleidung.


Bei Texaid lernt man, dass “Recycling” nicht unbedingt das ist, was  man sich darunter vorstellt. Niemand bei Texaid zerlegt einen alten Schuh in seine Einzelteile, um daraus etwas Neues zu machen. Entweder die Schuhe können noch verkauft werden. Dann landet die “Cremeware” in den Second-Shops von Texaid – und der Rest wird zum Großteil ins Ausland exportiert, vor allem nach Afrika und Asien. Oder aber die Schuhe werden aussortiert  und am Ende meist verbrannt. Geld verdient Texaid nur mit den Schuhen, die noch verkauft werden können. Die anderen kosten nur Geld: für das Sammeln, den Transport, die Sortierung, das Verbrennen. Ingesamt, schätzt Böschen, rund einen Euro.

Als wir ihm ein Foto von den Vans von Fynn Kliemann zeigen, sagt er sofort: “Auf den Schuh hätte die Branche gerne verzichtet.” Nichts mehr zu machen. Tatsächlich wurden die Schuhe bei Texaid aussortiert. Das letzte Signal erhalten wir aus Leuna. Dort betreibt der Energieversorger MVV eine Müllverbrennungsanlage.

Der Ratschlag von Thomas Böschen: Schuhe, die wirklich abgerockt sind, besser gleich in den Restmüll geben. Alles andere verursache nur Kosten. Und durch den unnötigen Transport auch zusätzliche CO2-Emissionen.

Toter #3: Kevin Kühnerts Adidas

Bei den ausgelatschten Tretern von Kevin Kühnert hatten wir ohnehin keine großen Hoffnungen, dass sie die Reise überleben werden. Nachdem wir nun seit über drei Monaten nichts mehr von ihnen gehört haben, müssen wir auch die Sneaker des SPD-Politikers wohl für tot erklären. Aber der Reihe nach. 

Die grauen Adidas haben wir in einen der Altkleidercontainer auf dem Recyclinghof auf St. Pauli geworfen. Man könnte annehmen: Die Schuhe werden hier auch recycelt. Aber wenig später reisen die Sneaker nach Rheinland-Pfalz. In der Kleinstadt Polch steht die Anlage von RE Textil, einer Tochter des Entsorgungsunternehmens Remondis. Der Recyclinghof kümmert sich also gar nicht selbst um die alten Schuhe! Wir rufen die Stadtreinigung Hamburg an und erfahren: Alte Kleidung und Schuhe verkauft sie als 2000 Tonnen schweres Gesamtpaket weiter an Remondis. Der Recyclinghof recycelt keine alten Sneaker, sondern verdient mit ihnen noch Geld. 

Kevin Kühnerts Sneaker melden sich ein letztes Mal aus Polch – in der Anlage von RE Textil haben sie wohl ihr Ende gefunden.

Aus Polch melden sich die grauen Adidas einen knappen Monat lang bei uns. Dann ist auf einmal Funkstille. Bis heute. Was ist passiert? Sind unsere Schuh in Polch verendet? Von Remondis heißt es dazu: “In der Anlage wird weder geschreddert noch verbrannt.” Die allermeisten Schuhe verkaufe man weiter. Wirklich runtergekommene Schuhe werden zwar tatsächlich verbrannt, allerdings nicht vor Ort, sondern in einer der umliegenden Müllverbrennungsanlagen. Am Ende bleibt es also unklar, was genau mit den Sneakern von Kevin Kühnert passiert ist. Da sie aber wirklich durchgelatscht waren, ist es wahrscheinlich, dass sie RE Textil aussortiert hat. Und nach über drei Monaten ohne ein Lebenszeichen müssen wir davon ausgehen, dass die Reise nach Polch auch ihre letzte war. 

Learnings aus Episode #2

1. Recycling-Boxen lösen das Fast-Fashion-Problem nicht. 
2. Ausgelatschte Schuhe besser direkt in den Restmüll geben.
3. Alte Schuhe werden in der Regel weiterverkauft oder verbrannt.

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