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Sneakerjagd – Episode 4

Episode 4: Der Sneaker-Pate von Storoschynez

Gregor sagt, dass er der größte Importeur von deutschen Second-Hand-Schuhen in der Ukraine ist. 
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In dieser Folge geht es um zwei Paar Schuhe, die der Influencerin Louisa Dellert und die des Moderators Michel Abdollahi. Beide sahen noch ziemlich gut erhalten aus. Und beide haben wir Soex zurückgegeben, einem der größten Textilrecycler der Welt. Sollte man denken, dass die Schuhe auch einen ähnlichen Weg gehen. Aber nix da. Beginnen wir mit der abenteuerlichen Reise der Sneaker von Louisa Dellert, die uns in die Ukraine führt.

Eine abenteuerliche Reise


Die weißen Veja-Sneaker von Louisa Dellert haben wir in Hamburg direkt in einen Altkleider-Container von Soex geworfen. Das Unternehmen betreibt eine riesige Altkleider-Fabrik in Sachsen-Anhalt und hat über 1000 Mitarbeiter. Ein richtig großer Player also. Eigentlich würde man davon ausgehen, dass die Schuhe vom Soex-Container auch zu Soex gehen und dort sortiert werden. Aber stattdessen bekommen wir ein paar Tage später einige Signale aus der Nähe von Pinneberg in Schleswig-Holstein. Und dann: Funkstille. Mehrere Tage lang. 

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Felix von Flip wirft die Sneaker von Louisa Dellert in einen Soex-Container. 


Dann bekommen wir ein Signal aus Mühlheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen, etwa 400 Kilometer von Hamburg entfernt. Und zwar, so wirkt es zumindest auf Google Maps, aus dem Hinterhof einer Moschee! Wir fahren wir hin, um zu sehen, was hier los ist. Vor Ort ist schnell klar: Mit der Moschee haben unsere Sneaker nix zu tun. Sie kommen von einem angrenzenden Hinterhof. Dort stehen vor allem Autos von verschiedenen Autohändlern. Ganz am Ende des Hofs entdecken wir aber auch ein halbes Dutzend rote Altkleider-Container, einige mit dem Logo vom Deutschen Roten Kreuz, andere ohne Logo. Daneben ist eine Lager-Halle, vor der gerade ein Laster wartet. Nach kurzer Recherche ist klar: Einer der Händler handelt nicht nur mit Autos, sondern auch mit alten Schuhen und Klamotten, “ausschließlich Originial unsortiert”, wie er im Internet schreibt.

Nachdem wir die Sneaker in einen Soex-Container geworfen haben, bekommen wir scheinbar Signale aus dem Hinterhof einer Moschee. 

In Mühlheim liegen unsere Schuhe eine ganze Weile. Dann, nach etwa zwei Monaten, machen sie sich wieder auf die Reise – und was für eine! Die Sneaker reisen über 1000 Kilometer weit in die Ukraine. Wir erhalten Signale aus einem Ort nahe der polnisch-ukrainischen Grenze, dann aus einer Kleinstadt im Südwesten des Landes und schließlich aus der Stadt Czernowitz. Das Problem ist nur: Wir haben fast keine exakten GPS-Signale, sondern kennen nur die Funkmasten, in die sich die Sneaker eingewählt haben. Wir können also nicht genau sagen, wo die Sneaker gelandet sind. Schnell steht fest: Wir müssen in die Ukraine. Und wir müssen da anfangen, wo wir das letzte, exakte GPS-Signal bekommen haben: aus dem Hof eines unscheinbaren Einfamilienhauses nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. 

Das mysteriöse Haus

Das Haus steht in einem kleinen Ort namens Mostyska und nach unseren Signalen muss der Schuh hier drei Tage lang gewesen sein. Ganz schön lang für einen Zwischenstopp. Überall parken Transporter, Sprinter mit verspiegelten Fenstern und Anhängern rauschen an uns vorbei. Als wir klingeln wollen, hält hinter uns ein schwarzer Sprinter und ein Mann ruft aus dem Fenster: “Da ist niemand zu Hause, die sind in Polen.” Wir fragen, ob er denn etwas über alte Schuhe wisse, die von Deutschland hier her kommen. “Darüber rede ich nicht”, sagt er. Dann fährt er weiter. Seltsam. 

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Das mysteriöse Haus

Das Haus steht in einem kleinen Ort namens Mostyska und nach unseren Signalen muss der Schuh hier drei Tage lang gewesen sein. Ganz schön lang für einen Zwischenstopp. Überall parken Transporter, Sprinter mit verspiegelten Fenstern und Anhängern rauschen an uns vorbei. Als wir klingeln wollen, hält hinter uns ein schwarzer Sprinter und ein Mann ruft aus dem Fenster: “Da ist niemand zu Hause, die sind in Polen.” Wir fragen, ob er denn etwas über alte Schuhe wisse, die von Deutschland hier her kommen. “Darüber rede ich nicht”, sagt er. Dann fährt er weiter. Seltsam. 

Unser letztes exaktes GPS-Signal bekommen wir aus dem kleinen Ort Mostyska in der Ukraine. 

Als der Mann ein paar Meter weiter wieder anhält, gehen wir nochmal hin. Nach einer Weile ist er doch bereit, mit uns zu reden. Er sagt, dass er Marian heißt. Weil es in der Gegend kaum Jobs gebe für ihn, bringe er seit 26 Jahren für andere Menschen Dinge über die Grenze – am Zoll vorbei. Die Steuer, die man bei der Einfuhr zahle, sei seinen Kunden zu hoch. Sein Job beginnt für gewöhnlich ein paar Kilometer hinter der Grenze, in Polen. Dort holt er die Ware, Reifen, Kühlschränke, gebrauchtes Spielzeuge und eben: Schuhe. Dann bringt er die Sachen nach Mostyska, stellt sie in seinen Hof und wartet darauf, dass sie vom Kunden wieder abgeholt werden. Das Problem ist in der Ukraine bekannt. Laut dem ukrainischen Textilverband UKRLEGPROM werden sehr viele Schuh-Importe aus der EU nicht registriert.

Wie genau Marian die Ware über die Grenze bringt, will er nicht sagen. Betriebsgeheimnis. Aber dass er es macht, sagt er gerne, so eine Art offenes Geheimnis scheint es ohnehin zu sein. “Jeder hier macht das”, sagt er, und deutet mit dem Finger auf die Straße. Angeblich auch der Mann, der in dem Haus lebt, in dem unser Schuh war. 

Ob die Sneaker von Louisa Dellert wirklich über die Grenze geschmuggelt wurden, können wir nicht wissen. Aber es würde zumindest sehr gut zu unseren Signalen passen – und dem, was Marian erzählt. Unmittelbar vor der Grenze haben die Schuhe nämlich einen kleinen Schlenker zu einem Rastplatz gemacht. Hier könnten sie in einen Transporter wie dem von Marian geladen worden sein. Anschließend haben die Sneaker einen Umweg genommen und sind in Mostyska gelandet. Hier waren sie drei Tage – ungefähr so lange, wie es laut Marian dauern kann, bis der Kunde die Ware wieder abholt. 

Zu Besuch beim Sneaker-Paten

Von Mostyska aus sind die Schuhe nach Storoschynez gereist – und wir reisen hinterher, etwa fünf Stunden mit dem Auto in den Südwesten der Ukraine. Storoschynez ist eine beschauliche Kleinstadt. Wo genau unsere Schuhe hier waren, wissen wir nicht. Aber ganz in der Nähe des Funkmastes, in den sich die Schuhe eingeloggt haben, gibt es einen großen Händler alter Schuhe und Klamotten. Wir rufen an und vereinbaren ein Interview. 

Auf einem Hof am Stadtrand empfängt uns ein wuchtiger Mann mit Glatze, der hier Gregor heißen soll. Gregor sagt, er sei in der Ukraine der größte Importeur von alten Schuhen aus Deutschland. Wir fragen ihn, ob er den Auto- und Textilhändler aus Mühlheim kenne. “Das ist ein Freund von mir!”, ruft Gregor und wirkt erstmal erfreut, weil wir anscheinend einen gemeinsamen Bekannten haben. Er sagt, dass er von dem Händler aus Mühlheim alte Schuhe kaufe, für etwa drei Euro das Kilo. Dann zeigt er uns, wo die Schuhe sortiert werden. 

Hier kommen jeden Monat alte Schuhe aus Deutschland an.

Gregor führt uns in eine große Halle. Jeden Monat, sagt er, kämen hier bis zu 20 Tonnen gebrauchter Schuhe aus Deutschland an. Die werden dann erst einmal vorsortiert: Nur 30 bis 50 Prozent verkaufe er weiter, den Rest müsse er wegschmeißen, weil die Schuhe kaputt seien. Die würden dann verbrannt, sagt er. Die guten Schuhe kommen nach nebenan. Der zweite Raum in der Halle ist vollgestopft mit ihnen. Dutzende Säcke lehnen an der Wand. Im hinteren Drittel des Raums steht ein großer Tisch, auf dem sich ein Berg aus alten Schuhen türmt. Davor stehen ein paar Behälter. Es gibt etwa einen Beutel für Frauenschuhe und einen für Männerschuhe, einen für Sommerschuhe und einen für Winterschuhe. Gregor sortiert die Schuhe und verkauft sie dann weiter, etwa an Second-Hand-Läden. Für den Verkauf packt er sie in weiße Plastik-Säcke, die mit Deutschland-Farben bedruckt sind. Schließlich bekomme er ausschließlich Schuhe von da. Und Deutschland, das stehe für Qualität. 

Die sortierten Schuhe kommen in Säcke aus Kunststoff. Die Deutschland-Farben sollen für Qualität stehen. 


Die besten Schuhe behält Gregor aber für seine eigenen Second-Hand-Geschäfte. “Creme” sagt er zu diesen Schuhen. Die werden nochmal ordentlich aufpoliert und dann für bis zu 30 Euro das Paar verkauft. Ob das wohl auch mit den Schuhen von Louisa Dellert passiert ist? Schließlich waren die Veja-Sneaker noch so gut wie neu. Falls ja, müssten sie in einem von Gregors Läden sein…

Den Schuhen ganz nahe...

In Czernowitz hat der Textil-Händler drei Second-Hand-Läden. “Bundes” heißen die Läden, eine Anspielung auf die Bundesrepublik. In den ersten zwei Läden haben wir keinen Erfolg. Bleibt nur noch einer….

In diesem Second-Hand-Store sind die Sneaker von Louisa Dellert gelandet.

Der “Bundes”-Store ist in einem Keller und die Kleidung wird hier nach Kilopreis verkauft. Second Hand Stores in der Ukraine muss man sich ein wenig anders vorstellen als in Deutschland. Es sind in der Regel keine durchgestylten Boutiquen mit verchromten Stahlrohren, an denen bunte Hemden und Vintage-Klamotten hängen. Die “Bundes”-Stores sehen eher aus wie Kik: Der Raum ist grell und kalt beleuchtet und die Kleidung hängt an meterlangen, dünnen Kleiderstangen aus glänzendem Metall. Es läuft ein ukrainischer Pop-Mix. Die Kunden sind keine jungen Studenten, die Second Hand kaufen, weil es gut für die Umwelt ist. Hier kauft man vor allem, weil es günstig ist. 

Wir gehen die meterlangen Schuhregale in dem Laden ab. Und tatsächlich: Zwischen einem Paar Sneaker aus schwarzem Leder und Asics-Schuhen stehen sie. Die Schuhe, denen wir hunderten von Kilometern gefolgt sind. Seit Wochen stehen sie hier, niemand hat sie gekauft. 905 Gramm wiegt das Paar, macht 271 Hrywnja, etwa neun Euro. Für uns geht der Preis in Ordnung. Wir kaufen die Schuhe und nehmen sie wieder mit nach Hamburg – als schöne Erinnerung an die Recherche. 

Wer Schuhe kaufen will, muss sie wiegen. 


Zurück in Deutschland erzählen wir Gregor von den GPS-Trackern und fragen ihn, ob er die Schuhe tatsächlich über die Grenze schmuggeln ließ. Bei neuen Schuhen sei er gezwungen, sie über die Grenze zu schmuggeln, sagt er. Die Steuern wären einfach zu hoch. Gebrauchte Schuhe schmuggle er aber nicht. “Vielleicht sah der Schuh wie neu aus”, sagt er. 

Bleibt nur noch ein Rätsel. Warum haben die Sneaker überhaupt diese Reise angetreten? Wie kann es sein, dass die Schuhe, die wir in einen Soex-Container geworfen haben, offenbar nie bei Soex gelandet sind – sondern bei einem Textilhändler aus Mühlheim? Der Textilhändler aus Mühlheim kann sich, als wir ihn anrufen, nicht erklären, wie die Schuhe bei ihm gelandet sind. Er habe nur Lieferanten aus der Umgebung – und keinen aus dem fast 400 Kilometer entfernten Hamburg. 

Als wir Soex-Geschäftsführer Walter Thomsen unsere Signale zeigen, sagt er: “Das riecht ein bisschen nach Diebstahl.” Was man in einen Soex-Container wirft, komme normalerweise auch zu Soex. Er könne sich nur vorstellen, dass die Sneaker aus dem Container geklaut wurden. Dann meldet sich Soex noch einmal. Und hat nachgeforscht. Das Ganze könnte System haben: Die angelieferte Menge aus dem Sammelgebiet habe im Vergleich zu vorher deutlich abgenommen. “Hierbei reden wir nicht von einzelnen Schuhen oder einzelnen Textilien sondern von Tonnagen.” Soex spricht von einem “Problem mit einem Sub-Unternehmer”. Man habe die Sache nun an einen Anwalt übergeben. 

Und die Sneaker von Michel Abdollahi?

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Die Recycling-Maschine, die Soex extra für Schuhe entwickelt hat, steht weitgehend still. Foto: Soex 

Um das zu ändern, hat Soex vor einigen Jahren für viel Geld eine neuartige Maschine entwickeln lassen. Die Schuhe werden in der Recycling-Anlage zerhäckselt, Metallteile durch einen Magneten entfernt und schließlich die verschiedenen Stoffe voneinander getrennt. Aus den Rohstoffen kann man anschließend wieder etwas Neues machen. Theoretisch. Denn die Maschine steht weitgehend still. Denn laut Soex gibt es es kaum Abnehmer oder Auftraggeber. Echtes Recycling ist wohl allen einfach schlicht zu teuer.

Die Nikes von Michel Abdollahi liegen nach etwa vier Monaten immer noch bei Soex. Das hört sich ganz schön lange an. Laut Soex ist das aber normal. Anhand unserer Signale konnte das Unternehmen erkennen, dass die Nikes wohl schon in der Sortierhalle waren – und jetzt auf ihren Weiterverkauf warten. 

Learnings aus Episode #4

1. Alte Schuhe werden offenbar geklaut und geschmuggelt.
2. Sie bekommen zum Beispiel in der Ukraine ein zweites Leben.
3. Es gibt eine Schuhrecycling-Maschine, aber allen ist sie zu teuer.

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