Eigentlich wollte Augustus Doricko den ganzen Tag mit den Reportern verbringen. Nun aber steht doch zu viel auf dem Programm: Investorencalls, Bewerbungsgespräche, Interviews. So ist das halt, wenn man mit gerade mal 25 Jahren der neue Star der Wettermacher-Szene ist, vom legendären Investor Peter Thiel gefördert wird und das eigene, rasant wachsende Start-Up einen Namen trägt, der sowohl große Hoffnungen als auch Ängste auslöst: Rainmaker. Regenmacher also.
Statt ihm selbst führen nun seine Mitarbeitenden durch die garagenartigen Büros des Unternehmens in El Segundo, südlich vom Flughafen in Los Angeles. Obwohl Rainmaker erst 2023 gegründet wurde, wimmelt es hier vor Mitarbeiter:innen. In einem Eiskanal wird gerade der neue Prototyp einer Drohne getestet. Sie soll auch bei Minustemperaturen problemlos in die Wolken fliegen können, um dort Chemikalien zu versprühen. Das Ziel: Es regnen zu lassen. Quasi auf Knopfdruck.
„Ich will Wasser im Überfluss schaffen“, sagt Doricko, als er am Ende des Tages endlich Zeit für ein Interview findet. Er sieht aus wie eine Mischung aus Tech-Bro und Countryboy, trägt einen Vokuhila-Haarschnitt und Jeans-Hemd zur goldfarbenen Uhr. Wie Peter Thiel, der mit Paypal und Facebook reich geworden ist und als einflussreicher Strippenzieher hinter dem kulturellen Rechtsruck in den USA gilt, ist Doricko gläubiger Katholik und Kirchgänger. Damit gehört er zu einer neuen Generation von Start-up-Unternehmer:innen, die passend zur Trump-Ära nichts mehr vom woken Silicon Valley wissen wollen. Die Welt verbessern, ja, das will auch Doricko. Aber nach konservativen Vorstellungen. „Ich möchte, dass die Welt fruchtbarer, grüner und üppiger wird und mehr Menschen darin leben als je zuvor”, sagt er.

An Gott zu glauben und das Wetter zu manipulieren, ist für Doricko kein Widerspruch. Im Gegenteil, es sei sogar fahrlässig, das nicht zu tun: Der Mensch habe laut Bibel von Gott die Aufgabe bekommen, über die Natur und die Schöpfung zu wachen. So gesehen sei es auch Aufgabe des Menschen, Dürren, Unwetter und Hagel abzumildern und die Natur mit Hilfe von Technik zu verbessern. „Wenn wir das nicht tun, werden wir der Verantwortung, die uns übertragen wurde, gute Verwalter zu sein und die Herrschaft über die Schöpfung zu übernehmen, nicht gerecht.“
Bricht hier gerade eine neue Ära des Wettermachens an? Über 30 Millionen Dollar hat Doricko mit Rainmaker von Investor:innen eingesammelt. Sein Start-up will mitmischen in einem weltweiten Geschäft. Wolken werden bereits rund um die Welt manipuliert, in China und Russland, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Iran. In Australien und dem Westen der USA wollen Unternehmen damit den Wassermangel mildern. Indien oder Malaysia überlegen, mit Hilfe der Technik Smog abregnen zu lassen und Waldbrände zu bekämpfen.
Einerseits ist die Vorstellung verlockend, dass der Mensch die Macht hat, das Wetter zu beeinflussen. Gerade in Zeiten, in denen das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, immer unrealistischer wird und immer mehr Menschen mit Dürren und Überflutungen rechnen müssen. Andererseits wirkt die Wettermanipulation auf viele auch anmaßend und gefährlich. Wissen wir wirklich, was wir da tun? Stimmen die Versprechen von Menschen wie Doricko überhaupt? Und was, wenn solche Experimente aus dem Ruder laufen und ganz neue Probleme und Konflikte verursachen? Kaum ein Thema erzeugt so viele Hoffnungen und Ängste, Zukunftsfantasien und Verschwörungstheorien.
Was dabei oft untergeht, ist ein nüchterner Blick auf das, was schon passiert – und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die es gibt. Flip ist deshalb mit dem investigativen Reportageformat STRG_F, das der NDR für FUNK produziert, auf Spurensuche gegangen. Die Recherche führt nach Texas, Süddeutschland und in den Nahen Osten. In ihrem Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Können wir das Wetter verändern? Und, wenn ja, sollten wir es auch tun?
Texas: Was, wenn Rainmaker dahinter steckt?
Eine Region, die gut etwas mehr Regen gebrauchen könnte, ist Texas. Immer wieder hat der Bundesstaat im Südwesten der USA mit Dürren zu kämpfen. Ganze Ernten gehen verloren, die Landwirtschaft leidet massiv. Zusammen mit anderen extremen Wetterereignissen sorgten Dürren in Texas laut einem Bericht der American Farm Bureau Federation (ABFB) im vergangenen Jahr für einen Schaden von über 3 Milliarden US-Dollar – allein durch die Verluste an Baumwolle und Weizen. Das führt auch zu Konflikten mit dem Nachbarland Mexiko um Flusswasser. Im April drohte US-Präsident Donald Trump bereits mit Konsequenzen, sollte das Land nicht mehr Wasser an Texas liefern, wie es ein altes Abkommen vorsieht.
Es ist also kein Zufall, dass Rainmaker auch in Texas für mehr Regen sorgen soll. Hier betreibt das Start-up Cloud Seeding noch auf die klassische Art, also ohne Drohnen. Vom Provinzflughafen Kenedy aus heben an einem Dienstag im Juni nacheinander zwei kleine Propellermaschinen ab. Die Piloten nehmen Kurs auf die Wolkenfronten. Auf Knopfdruck starten sie die zylinderförmigen Fackeln, die mit einer Halterung an den Flügeln der Flugzeuge angebracht sind. Auf Videoaufnahmen von dem Einsatz ist eine helle Flamme zu sehen. Ein feiner Rauch strömt aus, in der Regel eine Mischung aus Aceton und Silberjodid - der Wirkstoff, der die Wolke zum Regnen bringen soll.

Unten, auf dem Rollfeld, koordiniert Hudson Hurtig den Einsatz. Der 22-Jährige trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Rainmaker-Logo auf der Brust, er leitet die Operationen des Start-ups in Texas. Ein Pilot ist gerade gelandet, der zweite in der Luft, da setzt der Regen schon ein. Dicke Tropfen fallen vom Himmel auf die graue Landebahn. Hudson läuft in Richtung Hangar, um nicht nass zu werden. Es wirkt auf den ersten Blick wie eine perfekte Demonstration. Nur: Woher soll man wissen, dass es nicht ohnehin geregnet hätte, also alles bloß Zufall ist? „Das ist die kritische Frage, die wir jetzt beantworten müssen“, gibt auch Hudson zu.

Noch bis vor einigen Jahren war die Manipulation der Wolken eine Glaubensfrage. Schon 1946 entdeckten Wissenschaftler:innen bei General Electric bei einem Experiment mit einer Tiefkühltruhe per Zufall, dass sich aus Wassernebel Eiskristalle bilden, wenn sie Trockeneis hinzugeben. Sie hatten künstlichen Schnee geschaffen. Nur ein Jahr später “impften” sie gemeinsam mit dem US-Militär das erste Mal Wolken. Fotoaufnahmen von dem Experiment zeigen, wie das Trockeneis Schneisen in die weiße Wolkenfront schlug. Seinen Höhepunkt erreichte die Wolkenimpfung dann in den 1960er Jahren. Das US-Militär weitete seine Experimente aus, wollte sogar Hurrikane beeinflussen. Im Vietnamkrieg setzte es die Wolkenimpfung als Waffe ein. Circa 2600 Einsätze flog das US-Militär, in der Absicht, den Monsum zu verstärken und so die gegnerischen Truppen zu schwächen.
Länder wie Russland und China setzten Cloud Seeding später ein, um bei Militärparaden oder großen Events wie Olympia für einen strahlend blauen Himmel zu sorgen. Nur gab es ein Problem: Selbst wenn der erwünschte Effekt eintrat, ließ sich wissenschaftlich nicht beweisen, dass es an der Wolkenmanipulation lag. Vielleicht war es auch bloß Glück mit dem Wetter. Man konnte es nicht wissen. Zwar gab es Belege, dass Cloud Seeding im Labor funktionierte. Dass Silberjodid als Kondensationskeim wirkt, so Feuchtigkeit zu größeren Tropfen sammeln kann und zu Niederschlag führen könnte. Aber bei den Versuchen in der Natur zeigten statistische Auswertungen keine Zusammenhänge.
Es dauerte über siebzig Jahre, bis der erste Beweis vorlag, dass Cloud Seeding in der Natur wirklich funktionieren kann. Erbracht hat ihn Katja Friedrich. Die deutsche Atmosphärenforscherin sitzt gut gelaunt und braun gebrannt beim Interview in Leipzig, sie ist im Sommerurlaub und zu Besuch bei ihrer Familie. Eigentlich arbeitet sie als Professorin an der University of Colorado Boulder, nahe der Rocky Mountains. Dort begleitete sie mit ihrem Team 2017 ein Cloud Seeding-Projekt: mit einem Forschungsflugzeug, Radarstationen und Anlagen, um den Niederschlag zu messen. Der Durchbruch, erzählt Friedrich, kam am fünften oder sechsten Tag, als ihre Studierenden plötzlich Zickzacklinien auf den Radarbildern entdeckten. „Die Natur macht viele wirklich interessante Sachen”, sagt Friedrich, „aber Zickzacklinien macht sie eigentlich nicht.“

Die ungewöhnlichen Muster, so die Schlussfolgerung, könnten vom Silberjodid stammen, das die Flugzeuge ausgebracht hatten. Das Muster passte zur Flugbahn. Die Forschenden machten Messungen, fanden Eiskristalle in den Wolken, wo normalerweise keine wären. Sogar an Tagen, an denen sonst kein Niederschlag fiel. So konnten sie berechnen, wie viel Niederschlag die Wolkenimpfung verursacht hatte. „Zwischen 80 und 120 olympische Swimmingpools” bei einem Einsatz, sagt Friedrich.
In 2020 veröffentlichten Friedrich und ihre Kolleg:innen ihre Erkenntnisse in einer Studie. Für die Cloud-Seeding-Szene war sie eine Sensation. Auch internationale Medien berichteten. „Wir machen Cloud Seeding seit Jahrzehnten, aber jetzt wissen wir endgültig, dass es funktioniert”, lautete die Überschrift eines Artikels, der von CBC, der staatlichen Rundfunkanstalt von Kanada, veröffentlicht wurde.
Spricht man mit Friedrich selbst, erhält man ein etwas differenziertes Bild. „Es funktioniert”, sagt auch sie, allerdings könne man bisher nicht besonders viel Niederschlag produzieren. Auf einer Fläche von ungefähr 100 mal 100 Kilometern machten auch die bis zu 120 olympischen Schwimmbecken nur “einige Schneeflocken” aus. Und noch eine Einschränkung macht Friedrich: Nur weil es in den kalten, langsam vorbeiziehenden Wolkenfronten in den Rocky Mountains funktioniert habe, heiße das nicht automatisch, dass es auch woanders funktioniere.
Augustus Doricko muss den Beweis also noch erbringen, dass Rainmaker Niederschlag erzeugen kann. Doch viel Geld bekommt nur, wer Erfolge verspricht. Rainmaker liefere „die einzig sofort skalierbare Lösung, um reichlich Süßwasser zu schaffen”, heißt es auf der Unternehmenswebsite. Das klingt nicht nach ein paar Regentropfen, sondern nach Wassermassen. Nur ein paar Tage nach dem Start der zwei Flugzeuge in Texas wird das für Rainmaker zum Problem.
Am vierten Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, ereignet sich in Texas eine schwere Flutkatastrophe. In manchen Gegenden regnet es in sechs Stunden so viel wie sonst in vier Monaten. Flüsse wie der Guadalupe River steigen in weniger als einer Stunde um acht Meter an. Es kommt zu Sturzfluten. Über 135 Menschen sterben, darunter auch viele Mädchen, die im christlichen Ferienlager “Camp Mystic” eine unbeschwerte Zeit verbringen wollten. Es ist eine nationale Tragödie.
In den sozialen Medien kursieren schnell Theorien, dass die Flugzeuge von Rainmaker den Starkregen ausgelöst haben könnten. Auch die bekannte rechtsextreme Abgeordnete Marjorie Taylor Greene greift Rainmaker an. „Die Menschen haben genug von Chemikalien, die unser Wetter manipulieren”, postet sie auf X zu einem Video von Doricko. Wenige Tage später reicht sie ein Gesetz ein, das Cloud Seeding verbieten soll. „Es wird eine Straftat sein“, kündigt sie auf X an.
Augustus Doricko gibt in den Tagen der Katastrophe so viele Interviews wie noch nie. Er spricht mit Steve Bannon, mit Fox News und CNN. „Cloud Seeding hatte nichts damit zu tun“, sagt er darin immer wieder. Er hat auch die Flugdaten von Rainmaker veröffentlicht: Demnach war der letzte Einsatz in Texas zwei Tage vor den Sturzfluten. Etwa 70 Gramm Silberjodid seien dabei versprüht worden. Meteorologen und Wissenschaftlerinnen halten es unisono für unwahrscheinlich bis unmöglich, dass Cloud Seeding solche Regenmassen verursacht haben könnte. Das Silberjodid sei spätestens nach einigen Stunden abgeregnet oder mit dem Wind weggetragen, sagt auch Katja Friedrich.
Und doch zeigt sich in diesen Tagen, welch schwierigen Spagat Augustus Doricko in den USA bewerkstelligen muss: Einerseits muss er Cloud Seeding groß machen und ihm gewaltige Potenziale zuschreiben, um die Hoffnungen und Phantasien, auf denen sein Start-up beruht, nicht zu zerstören. Andererseits muss er seine Wirkung auch kleinreden, um Verschwörungstheorien, in denen Cloud Seeding mit gewaltigen Naturkatastrophen in Verbindung gebracht wird, zu entkräften.
Deutschland: Der Hagelabwehrverein kämpft gegen Auto-Dellen
Die deutsche Wettermacher-Szene trifft sich im Landratsamt des Rems-Murr-Kreises in Waiblingen bei Stuttgart, mitten im Schwabenland. Man trifft hier keine Investor:innen oder hippe Start-up-Unternehmer:innen, sondern Winzer mit Schnauzbärten, Pilotinnen und Versicherungsmakler im Anzug. Es gibt Kaffee und Brezeln.
Auf der “Fachtagung Hagelabwehr” geht es darum, wie man erkennt, dass es bald hageln könnte – und wie man das verhindert. Große Hagelkörner können Weinreben kaputt schlagen, Dächer und Fenster beschädigen und für hässliche Dellen in Neuwagen sorgen. Etwa ein halbes Dutzend aktive Hagelabwehrvereine gibt es deshalb in Deutschland. Mit Flugzeugen fliegen sie in den Himmel und zünden dort Fackeln, mit denen Silberjodid verdampft wird. Die Aufwinde sollen die Chemikalie dann in die Wolken tragen und Feuchtigkeit binden, bevor sich große Hagelkörner überhaupt bilden können. Die Methode ähnelt der von Regenmachern wie Rainmaker in den USA. Nur der Zweck ist ein anderer. Man möchte nicht über die Schöpfung herrschen, sondern für weniger Dellen in Autos und eine bessere Weinernte sorgen.
Es gibt auch keinen deutschen Peter Thiel, der die Hagelabwehr auf das nächste Level hieven würde. Die Hagelabwehrvereine finanzieren sich über Abgaben von Winzer:innen, Versicherern und Gemeinden. Die CSU-Landtagsfraktion in Bayern ließ der Hagelabwehr Rosenheim zudem gerade 800.000 Euro aus Landesgeldern zukommen, zum Kauf eines neuen Flugzeuges. Auch die Württembergische Gemeinde Versicherung (WGV) finanziert zwei Hagelflugzeuge. Kosten: Etwa 450.000 Euro im Jahr. Ein Manager der WGV sagt auf der Fachtagung: „Ein Kfz-Hagelschaden kostet im Durchschnitt etwa 3000 Euro, Tendenz höher.“ So gesehen würde es schon reichen, wenn durch die Hagelflieger 150 Schäden an Autos vermieden werden könnten.
Das Problem ist: Anders als bei den Regenmachern gibt es für die Hagelflieger bisher keine Studie, die die Wirkung belegen kann. Hagelgewitter sind seltener als Regen, turbulenter und deshalb auch schwieriger zu untersuchen. Politisch ist die Hagelabwehr ein lokales Nischenthema. „Hagelflüge fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich des Bundes“, heißt es in einer Dokumentation des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem vergangenen Jahr. Und regnen lassen? Will es in Deutschland bisher auch niemand. Während die Debatte in den USA zwischen Weltrettungsphantasien und Katastrophen-Szenarien verläuft, findet sie in Deutschland gar nicht statt.
Man kann das begrüßen. So nach dem Motto: Zum Glück machen wir bei diesem Irrsinn nicht mit! Andererseits: Wenn wir Hagelflieger seit Jahrzehnten einfach machen lassen, warum ist Regen dann tabu? Tun wir uns wirklich einen Gefallen, wenn wir uns einfach raushalten und Start-ups wie Rainmaker das Feld überlassen? Wäre es nicht wichtig, zumindest mehr darüber zu lernen, ob und wofür die Wettermanipulation gut sein könnte und welche Gefahren drohen? Solange die Hoffnung auf eine technologische Lösung gegen Wetterextreme und Dürren nicht auf null sinke, sagt Ulrike Lohmann, „wird sie immer weiter betrieben werden.” Die Atmosphärenphysikerin ist Mitglied der renommierten Leopoldina Akademie für Wissenschaften und plädiert für mehr Forschung in diesem Bereich. „Wenn wir gar keine Ahnung haben, auf was wir uns da einlassen, halte ich das für noch viel gefährlicher.”
Einer, der verstanden hat, dass sich die Entwicklung kaum aufhalten lässt, ist Frank Kasparek. Nach einer IT-Karriere entschied er sich, sein Hobby, das Fliegen, zum Beruf zu machen. Als freiwilliger Pilot für die Hagelabwehr fing er an, dann gründete er eine eigene Fluggesellschaft. Inzwischen ist sie für zwei Landkreise und auch die Württembergische Gemeinde Versicherung im Einsatz. Nun aber steht Kasparek auf dem Gelände einer Feuerwerksfabrik in Bayern. Ein kleines Gerüst ist auf dem Rasen vor der Fabrik aufgebaut, vier Fackeln sind daran montiert. Ein Mitarbeiter zündet die erste an, es knallt, eine helle Flamme ist zu sehen, dichter Qualm zieht in die umliegenden Tannen. Kasparek lächelt. „Das ist schon immer ein Spektakel, wenn man die Dinger zündet.”

Kasparek weiß, dass Cloud Seeding in Deutschland so schnell nicht kommen wird. Mitmischen will er trotzdem. Deshalb lässt er in der Feuerwerksfabrik nun Fackeln herstellen, mit Silberjodid und anderen Wirkstoffen. Noch ist das Handarbeit. Der Fabrikbesitzer selbst siebt heute die pulvrigen Salze, Oxidatoren und Zündstoffe, vermischt sie mit Harz, knetet die Masse auf einer Plastikfolie und stopft sie in die Pappzylinder mit Zündschnur. „Das ist ein bisschen wie beim Kuchenbacken”, sagt er.
Etwa 50 Fackeln kann die Feuerwerksfabrik so am Tag produzieren – nicht nur für die Hagelabwehr, sondern auch für das “Rain Enhancement”, wie es in der Szene heißt. Für die Regenverstärkung. Die Nachfrage boomt. Mittlerweile hat Kasparek Kunden auf fast allen Kontinenten. Seine Lieferungen seien bereits nach Kalifornien, Texas, Mexiko, Südkorea, Indien und Mali gegangen, sagt er. Auch aus China habe er schon Anfragen bekommen. „Diese Mengen aber können wir noch gar nicht.“ Für Kasparek ist klar, dass Cloud Seeding ein großes Geschäft werden wird. „Ich sag immer, Wasser ist das neue Gold.“

Abu Dhabi: Wilder Westen im Nahen Osten
Von dramatischer Musik unterlegt, erzählt Abdullah Al-Mandous die Geschichte der Zivilisation seines Landes nach: von den Nomaden, die auf der Suche nach Wasser durch die Wüste zogen über die Anfänge der Landwirtschaft bis zur Entstehung moderner Megastädte. Er spricht in dem Promo-Video auf arabisch, die Untertitel sind auf englisch. Al-Mandous wirkt jung und charismatisch. Seine Botschaft: Ohne Wasser wäre das alles nicht möglich gewesen. „Wenn Wolken sich im Himmel sammeln und dann Regen fällt – diese Szene bewegt etwas tief in unserem Herzen“, sagt er. Und: „Wenn natürlicher Regen die Gefühle des Menschen berührt, dann ist die Wolkenimpfung ein wichtiger Aspekt dieses großartigen Phänomens.” Das Video trägt den Titel “Story of Life”.
Abdullah Al-Mandous ist Generaldirektor des National Meteorological Centers der Vereinigten Arabischen Emirate. Es gibt wohl keinen Staat, der sein Cloud-Seeding-Programm in den vergangenen Jahren so ehrgeizig vorangetrieben hat. Etwa 400 mal starten Flugzeuge von Abu Dhabi im Jahr, um es regnen zu lassen. Gerne hätte man sich das alles vor Ort angesehen und mit den Verantwortlichen darüber gesprochen. Erst zeigt sich das zuständige National Meteorological Center offen, dann aber lässt sich doch kein Termin im besprochenen Zeitraum finden. Auch ein Interview per Videocall kommt am Ende nicht zu Stande.
Man kann am Beispiel von Abu Dhabi trotzdem viel lernen. Wasser ist in dem Wüstenstaat eine kostbare Ressource. Etwa 8000 Dollar koste das Cloud Seeding pro Stunde, heißt es in einem 2023 veröffentlichten Forschungspapier, zu dessen Autoren auch Abdullah Al-Mandous zählt. In ihm wird vorgerechnet, dass der generierte Regen etwa 0,01 bis 0,03 Dollar pro Kubikmeter koste. Zum Vergleich: Frischwasser aus den emiratischen Entsalzungsanlagen sei bis zu dreißig Mal so teuer.

Das Problem aber, das weder in der Studie noch im Promo-Video auftaucht: Cloud Seeding kann den Klimawandel mit all seinen Folgen nicht aufhalten. Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass es den Niederschlag in einer Region nur um 30 Prozent steigern kann. Realistischer erscheinen zwanzig oder auch zehn Prozent. Aber mehr Feuchtigkeit in die Wolke zaubern? Das könne Cloud Seeding nicht, sagt Atmosphärenphysikerin Lohmann. Im Klartext: Es gibt insgesamt wohl nicht mehr Regen, er fällt nur früher vom Himmel.
Das ist auch der Grund, warum das Cloud Seeding von Nachbarländern kritisch beobachtet wird. Indien sieht in Chinas Programmen eine Gefahr für die eigene Wassersicherheit. Auch der Iran warf anderen Ländern vor, ihm Wasser zu stehlen. So erklärte Gholam Reza Jalili, ein hochrangiger iranischer General, bereits 2018: „Wir sind mit Fällen von Wolkendiebstahl und Schneediebstahl konfrontiert.” Schuldig seien Israel und ein Nachbarland, gemeint waren damit wohl die Emirate. Mittlerweile arbeitet der Iran an seinem eigenen Cloud-Seeding-Programm.
Physikalisch sei es möglich, Regen zu stehlen, sagt Atmosphärenphysikerin Lohmann, auch wenn das bisher eher ein theoretischer Fall sei. Wem es gelinge, den Zeitpunkt zu beeinflussen, an dem der Niederschlag falle, der könne auch beeinflussen, dass der Regen im eigenen Gebiet niedergehe „und nicht im Nachbargebiet.“
Das internationale Umweltkriegsübereinkommen von 1976 untersagt zwar, die Umwelt für militärische oder feindliche Einsätze zu manipulieren. Doch die zivile Nutzung ist laut der Konvention erlaubt, solange sie „keine weitreichenden, langanhaltenden oder schwerwiegenden“ Auswirkungen habe. Im Zweifel gehören Wolken damit dem Staat, in dessen Luftraum sie sich gerade befinden. Völlig unreguliert besteht zumindest die Gefahr, dass Cloud Seeding zur Waffe in einem sich verschärfenden Verteilungskampf um Wasser wird.
Natürlich sind auch positivere Szenarien denkbar: Selbst wenn sich die Erkenntnis erhärten sollte, dass Cloud Seeding insgesamt nicht für deutlich mehr Regen sorgen kann, könnte man dennoch versuchen, es dort regnen zu lassen, wo der Regen gerade am dringendsten benötigt wird. Dafür müsste sich die Staatengemeinschaft aber auf gemeinsame Regeln verständigen. Zuständig wäre am ehesten die Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Die aber soll bisher nur den wissenschaftlichen Austausch fördern und Konferenzen veranstalten. Dass sich daran bald etwas ändert, ist kaum zu erwarten. Präsident der WMO ist seit 2023 Abdullah Al-Mandous – gleichzeitig Generaldirektor des Nationalen Meteorologischen Zentrums der Vereinigten Arabischen Emirate.
Mitarbeit: Manuel Daubenberger, Felix Meschede