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FLIP #39

Wie nachhaltig und gesund ist Air Up?

Was Dich hier erwartet:


Was ist das Problem?

Eine Cola zum Mittag, ein Eistee für Zwischendurch, RedBull zum Wachbleiben: Viele von uns trinken zu viele süße Getränke. Vor allem Limonaden, aber auch Energydrinks, Schorlen und Wasser mit Geschmack sind beliebt. Das steigert nicht nur das Risiko für Karies, Übergewicht und Diabetes, sondern ist auch schlecht für die Umwelt: Rund die Hälfte aller Getränke wird in Einweg-Plastikflaschen verpackt. Das produziert Unmengen an Müll und verbraucht Ressourcen wie Kunststoff und Rohöl

119 Liter


Was ist die Idee von Air Up?

Das Start-up verkauft Trinkflaschen mit wechselbaren Duftringen, die das Wasser nach Cola, Orange-Vanille oder Pfirsich schmecken lassen. Das funktioniert durch das “retronasale Riechen”: Zusammen mit dem Sprudel- oder Leitungswasser in der Flasche kommen beduftete Luftbläschen in den Mund, die über den Rachen in die Nase aufsteigen und in der Regel wieder ausgeatmet werden. Das Gehirn interpretiert diese Reize als Geschmack. Eine “Revolution” nennt Air Up seine Erfindung.

Das Duftwasser-Startup Air Up wirbt mit Nachhaltigkeit, belegen kann es sie nicht. Nach dem EU-Vorschlag dürfte das Unternehmen das wohl nicht mehr. Foto: Air Up
So sieht die "Revolution" aus: Die Air Up-Trinkflasche mit Duftpods. Foto: Air Up

Die Idee zu Air Up kam Lena Jüngst und Tim Jäger 2016 während ihrer Bachelorarbeit in Schwäbisch Gmünd. Seit 2019 beliefert das Start-up mehr als eine Million Kund:innen in acht europäischen Ländern. Auf Instagram folgen 177.000 Menschen der Marke, mehr als das doppelte der deutschen Instagram-Seiten von Coca-Cola und Pepsi.

Vor allem bei Jugendlichen hat Air Up einen regelrechten Hype ausgelöst. Teenager tauschen sich auf TikTok über ihre Lieblingsgeschmäcker aus und teilen begeistert Videos, wenn die lang ersehnte 40-Euro-Flasche endlich ankommt.

Fast genauso beliebt ist Air Up bei Investoren. Die “Höhle der Löwen”-Juroren Frank Thelen und Ralf Dümmel, aber auch PepsiCo sind als Geldgeber mit dabei. Insgesamt hat Air Up mehr als 60 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Sogar das amerikanische Schauspieler-Ehepaar Ashton Kutcher und Mila Kunis hat in Air Up investiert und soll nun dabei helfen, ab Sommer den riesigen US-Markt zu erobern.

Der Erfolg hat auch mit einem großen Versprechen zu tun: Air Up will eine gesunde und nachhaltige Alternative zu Softdrinks sein, Luft statt Zucker verkaufen und die Welt mit seinem Duftwasser ein bisschen besser machen. Auf der Website steht, Air Up komme “mit entscheidend weniger Plastik und CO2-Emissionen aus”. Auch für Kinder sei der Konsum “bedenkenlos”. Der Start-up-Plattform “Brutkasten” sagte Gründerin Lena Jüngst, Nachhaltigkeit sei für Air Up der “Nordstern, auf den wir jeden Tag zuarbeiten”.

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Wollen hoch hinaus: Das Management-Team von Air Up. Foto: Air Up

Und stimmt das auch?

Wie nachhaltig und gesund aber ist Air Up tatsächlich? Flip ist dieser Frage zusammen mit dem SPIEGEL nachgegangen. Das Ergebnis: Seine zentralen Umweltversprechen kann Air Up aus Sicht von Expert:innen nicht belegen. Gerade für Kinder seien aromatisierte Produkte nicht unbedingt das richtige. Und dass die Ringe aus »100 Prozent recycelten Materialien« bestehen, wie Air Up bis zu Nachfragen von Flip und SPIEGEL auf seiner Website behauptet hat?

War offensichtlich falsch – und könnte laut Expert:innen als Irreführung der Kundinnen und Kunden gewertet werden.

Wenn man Lena Jüngst anruft, erreicht man eine zugewandte Frau, die einem Gespräch zunächst zustimmt. Den ausgemachten Termin versäumt sie dann aber und reagiert auch nicht mehr auf Kontaktversuche. Die Pressestelle von Air Up gibt sich pikiert, dass man Jüngst direkt kontaktiert habe – dabei steht ihre Telefonnummer öffentlich einsehbar im Internet. Ein Mitarbeiter einer von Air Up engagierten Kommunikationsagentur rät, in ein paar Monaten noch mal anzufragen, dann sei die Sache sicher vergessen.

Auch die schriftlich eingereichten Fragen zu zentralen Werbeversprechen möchte Air Up zunächst nicht beantworten. Als das Unternehmen es schließlich doch noch tut, wird manches noch verwirrender. 

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1. Was ist dran an Air Ups Plastikversprechen?

Air Up behauptet selbstbewusst, mehr als 130 Millionen Einwegplastikflaschen eingespart zu haben. Erst auf Nachfrage wird klar, dass es einfach davon ausgeht, dass jeder mit Air Up aromatisierte Liter Wasser eine Einwegflasche ersetzt. Das ist natürlich Unsinn. “Man kann nicht davon ausgehen, dass die Leute, die Air Up probieren, vorher gar kein Leitungswasser und keine Getränke aus regionalen Mehrwegflaschen getrunken haben”, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Er empfiehlt: Wer Einweg-Plastikflaschen sparen wolle, solle wegen der besseren Ökobilanz lieber regionale Mehrwegflaschen nutzen – oder sich schlicht eine Scheibe Zitrone ins Wasser schneiden.

Hinzu kommt: Auch die Duftpods von Air Up bestehen aus Plastik. Allerdings, so stand es zumindest bis vor wenigen Tagen auf den Pod-Produktseiten und auch auf der Seite zum Thema Nachhaltigkeit, sollen diese aus “100 Prozent recycelten Materialien” bestehen. Welche Materialien das sind? Darauf antwortet Air Up zunächst gar nicht. Erst auf erneute Nachfrage heißt es: Es sei “zu beachten, dass wir bei der Herstellung unserer Produkte keine bereits recycelten Materialien verwenden”. Dass das im offensichtlichen Widerspruch zur kommunizierten Werbung steht? Air Up verliert dazu kein Wort. Stattdessen ändert es die entsprechenden Aussagen kurz darauf auf der Website. Von “recycelten Materialien” ist keine Rede mehr, nur noch von “recycelbaren Materialien”, was natürlich etwas vollkommen anderes ist.

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Bis zu unserer Anfrage sahen die Pod-Produktseiten noch so aus – danach änderte Air Up das Versprechen von "recycelten" zu "recycelbaren Materialen". Screenshot: Flip

Für das Start-up könnte das noch Konsequenzen haben. Die Bewerbung einer Verpackung als recycelt, die gar nicht recycelt ist, sei “irreführend”, sagt Rechtsanwältin Kerstin Piller von der Kanzlei Hild & Kollegen. Das sei “auch marktrelevant” und stelle “einen Verstoß gegen geltendes Wettbewerbsrecht” dar. Mitbewerber, Verbraucherschützer und Wettbewerbsverbände könnten auf Unterlassung klagen.

2. Wie klimaschädlich ist Air Up?
Manchmal wirkt Air Up wie ein prall aufgeblasener Ballon, den man schon mit ein paar einfachen Fragen zum Platzen bringen kann. Das Unternehmen verspricht ja nicht nur Plastik zu reduzieren, sondern auch mit entscheidend weniger CO2-Emissionen auszukommen. Das erschließe “sich aus der Tatsache, dass unsere Pods aufgrund ihrer Größe und Beschaffenheit echte Leichtgewichte sind und damit ein immenses logistisches Potenzial aufweisen”, heißt es auf Nachfrage. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Pods in der Türkei und die Flaschen in China produziert werden. Sie müssen also sehr lange Strecken zurücklegen. Hinzu kommt, dass China einen Großteil seines Stroms aus Kohle herstellt, der klimaschädlichsten Energiequelle.

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"Schon wieder Cola?": Influencerin Anna Strigl "testet" Getränke auf TikTok – für Werbung wie diese gibt Air Up viel Geld aus. Screenshot: Flip

Wie die CO2-Bilanz am Ende ausfällt? Air Up gibt dazu keine Auskunft. Eine Ökobilanz des Trinksystems gibt es nicht. “Aufgrund unseres jungen Alters lag der Schwerpunkt in den vergangenen zwei Jahren eher darauf, unsere Aktivitäten mit den begrenzten vorhandenen Ressourcen zum Laufen zu bringen”, heißt es vom Unternehmen. Man arbeite daran, “gemeinsam mit ClimatePartner den genauen CO2-Fußabdruck unserer Produkte zu ermitteln”. Auch die Produktion wolle man nach Europa holen.

Man könnte es auch so formulieren: Bislang ist die offensiv beworbene Nachhaltigkeit nicht mehr als eine Vermutung. Oder ein Versprechen auf die Zukunft. Air Up hat bisher andere Prioritäten. Allein für Influencer-Werbung in Deutschland müsse das Unternehmen innerhalb eines Jahres “mindestens 400.000 Euro” ausgegeben haben, schätzt die Marketing-Expertin Heike Liebermann von Liebermann Communications. Air Up will sich auf Anfrage nicht zum Marketing-Budget äußern. Im September 2021 rechnete das Start-up damit, die Umsatzschwelle von 100 Millionen Euro innerhalb eines Jahres knacken zu können.

3. Wie gesund ist Air Up?
Das Duftsystem kommt ohne Zucker und Zusatzstoffe im Wasser aus und ist damit erst mal deutlich gesünder als gesüßte Softdrinks, Light-Getränke oder trendige Konkurrenten wie die gut vermarkteten Brausetabletten von Waterdrop. Vergleicht man Air Up aber mit Tees oder selbstgemixter Limettenschorle, wird es komplizierter. Das liegt an den Aromen.

»Wir können uns an Aromen gewöhnen und darauf geprägt werden.«

Christian Niemeyer leitet das deutsche Zusatzstoffmuseum in Hamburg. Schon Kinder würden im Museum die Aromen bestimmten Produkten zuordnen, zum Beispiel Energieriegeln. Etwas zugespitzt formuliert: Wer die ganze Zeit Aromen zu sich nimmt, hat womöglich keine Lust mehr auf Wasser und mag diese Aromen wahrscheinlich auch in anderen, im Zweifel auch ungesunden Geschmacksbomben.

Air Up sieht da bei seinem Produkt aber kein Problem. Es sei im Grunde, “wie wenn man täglich eine Bäckerei passiert und den Duft von ofenfrischem Gebäck wahrnimmt”, schreibt das Unternehmen. “Auch hier bestehen demnach keine Gewöhnungseffekte.” Zudem handelt es sich dem Start-up zufolge ausschließlich um natürliche Aromen. Was das genau heißt, bleibt aber unklar. Teilweise würden die Aromen zu 100 Prozent aus der namensgebenden Frucht stammen, schreibt Air Up. “Teils ist das aber nicht möglich bzw. würde nicht schmecken.” Woraus genau die Aromen bestehen, kommuniziert Air Up nicht.

Grundsätzlich ist der Spielraum groß, denn die Stoffe in natürlichen Aromen müssen nur irgendwo in der Natur nachgewiesen worden sein. So kann etwa aus Knoblauchkäse ein Ananas-Aroma gewonnen werden – der Aromenverband hält das ebenfalls für ein natürliches Aroma. “Im Grunde weiß man gar nicht, woraus diese Aromen tatsächlich hergestellt sind”, sagt Elisabeth van Thiel von der Verbraucherzentrale NRW. Alternativ könne man sich Obstwasser selbst mixen – da habe man einen Einfluss darauf, was drin ist.

Everdrop - was sagen die Experten

Und was sagen die Expert:innen?

Thomas Fischer leitet den Bereich Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Er sagt:

»Mit Air Up retten wir das Klima nicht und lösen auch nicht die Plastikmüllkrise.«

Elisabeth van Thiel von der Verbraucherzentrale NRW sagt:

»Alternativ kann man mit Obst, Gemüse oder Kräutern ein “Infused Water” mixen. Das ist im Vergleich zu Air Up preiswerter und nachhaltiger.«


Christian Niemeyer leitet das Deutsche Zusatzstoffmuseum. Er sagt:

»Air Up ist im Prinzip eine Ersatzdroge für den Verbraucher, der Zucker weglassen will. Wasser würde reichen, aber sie geben einem noch ein bisschen Duft, weil man so daran gewöhnt ist.«

Disclaimer

Für das Crowdfunding des Marabu-Sneakers und dessen weitere Realisierung hat FLIP gemeinsam mit dem Münchner Sneakerhersteller MONACO DUCKS die Firma GRND gegründet, an der beide Partner zu 50 Prozent beteiligt sind.

Was ist ein Flip?

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