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FLIP #31

Mit Tiny-Häusern gegen Obdachlosigkeit

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Was Dich hier erwartet:


Was ist das Problem?

In Deutschland leben mehr als 40.000 Menschen ohne jeder Unterkunft auf der Straße. Extreme Kälte, Gewalt, und die tägliche Suche nach einem Schlafplatz führen oft zu physischen und psychischen Erkrankungen. Meist sind es Schulden, familiäre Probleme und Drogen, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben. Doch ist es auch die deutsche Bürokratie, die den Weg hinaus erschwert. Denn wer keine Wohnung hat, bekommt keine Arbeit – und ohne Job, bekommt man auf dem Markt keine Wohnung. Auch bei Hilfsangeboten müssen Obdachlose, um ein Dach über dem Kopf zu bekommen, oft nachweisen, dass sie nicht suchtkrank und “wohnfähig” sind, ein Konto haben und so weiter. Sie brauchen also, was viele Obdachlose nicht haben – und worum sie sich oft nicht kümmern, solange sie vor allem mit ihrem täglichen Überleben beschäftigt sind.

Das ist ein soziales und auch ein wirtschaftliches Problem. Denn Obdachlosigkeit ist für den Staat teuer. Notunterkünfte, Krankentransporte, Gesundheits- und Sozialprogramme – das alles summiert sich. Die Stadt Berlin zahlt allein für Notunterkünfte 300 Millionen Euro im Jahr. Und doch führen die Hilfen oft nicht dazu, dass die Menschen wieder eine Wohnung und einen Job finden. Für die Obdachlosen ist das lebensgefährlich.

49 Jahre

wird ein obdachloser Mensch in Hamburg im Durchschnitt alt. Das sind 30 Jahre weniger als andere Menschen.


Was ist der Ansatz von Little Home?

Der Verein stellt Menschen, die ohne Unterkunft auf der Straße leben, kostenlos kleine Holzhütten auf Rädern zur Verfügung. Sie sind zwar winzig, gerade mal drei Quadratmeter groß, bieten aber ein Bett, eine Camping-Toilette, ein Waschbecken und ein bisschen Privatsphäre. Inzwischen wohnen 175 Obdachlose in den Holzhütten. 

Die Idee hatte Initiator Sven Lüdecke, gelernter Restaurantfachmann und Fotograf, als er am Kölner Hauptbahnhof sah, wie eine obdachlose Frau gewaltsam geweckt und aus dem Gebäude geschmissen wurde. Kurz darauf rief er den Verein Little Home ins Leben. 2018 baute er die ersten Holzhütten. Finanziert werden sie über Spendengelder. Der Bau eines Little Homes koste je nach Materialpreisen zwischen 1600 und 2300 Euro. Die ersten sechs Häuschen, sagt Lüdecke, habe er aus eigener Tasche bezahlt.

Die ersten "Little Homes" hat Sven Lüdecke noch selbst gezimmert...
... inzwischen stehen 175 der Holzhütten. Foto: Was Gutes e.V.

Hinter der kleinen Initiative steht eine große Idee: der sogenannte Housing-First-Ansatz. Er stellt die Herangehensweise an das Problem der Obdachlosigkeit auf den Kopf: Die Obdachlosen müssen nicht erst jede Menge Probleme lösen, damit sie eine Chance auf eine Wohnung haben. Sie kriegen ersteinmal eine Wohnung, um dann ihre Probleme zu lösen.

Das Konzept wurde vom Psychologen Sam Tsemberis entwickelt (hier könnt Ihr Euch einen TED-Talk von ihm ansehen). Eine Wohnung ist demnach der Anfang und nicht das Ziel der Hilfe. Finnland setzt das Prinzip bereits um. Die Obdachlosen-Zahlen sind dort laut OECD  zwischen 2010 und 2018 um 39 Prozent gesunken. Finnland ist damit das einzige europäische Land, in dem die Obdachlosigkeit abnimmt. Laut der Y-Foundation, die das finnische Modell mitentwickelt hat, spart der Staat pro Obdachlosem, der wieder ein Wohnung hat, unterm Strich 15.000 Euro pro Jahr.

Auch Little Home fühlt sich dem Housing-First-Ansatz verbunden:

»Mit Little Home geben wir obdachlosen Menschen einen Rückzugsort. Haben sie erstmal einen gesicherten Schlafplatz, können sie zur Ruhe kommen und sich über andere Dinge wie Arbeitslosengeld Gedanken machen«

Sven Lüdecke, Gründer Little Home e.V.
Und funktioniert das auch?

Wer bekommt ein Little Home? Können die Holzhäuschen einfach überall stehen? Und ändern die Little Homes etwas an dem Problem der Obdachlosigkeit? Darüber hat Flip-Autorin Luise Land ausführlich mit dem Gründer Sven Lüdecke gesprochen.

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Und funktioniert das auch?

Wer bekommt ein Little Home? Können die Holzhäuschen einfach überall stehen? Und ändern die Little Homes etwas an dem Problem der Obdachlosigkeit? Darüber hat Flip-Autorin Luise Land ausführlich mit dem Gründer Sven Lüdecke gesprochen.

»Manche wohnen eine Woche im Little Home, andere ein Jahr und andere ihr ganzes Leben. Wenn wohnungslose Menschen in eine richtige Wohnung ziehen möchten, müssen sie das von sich aus wollen.«

Sven Lüdecke, Gründer Little Home e.V.

Nach Angaben von Little Home stehen auf der Warteliste mehrere zehntausend Menschen. Das zeigt, wie groß das Problem ist. Und wie begrenzt die Möglichkeiten des Vereins sind. Wer seine Arbeit unterstützen möchte, kann Geld spenden oder selbst aktiv werden. Man suche, sagt Lüdecke, immer nach Ehrenamtlichen, die ein paar Stunden die Woche E-Mails beantworten, die Website überarbeiten oder nach Stellplätzen für ein Little Home Ausschau halten können. Am besten dazu eine Email an Little Home schreiben.

Können die Holzhäuschen überall stehen?
Die Little Homes stehen auf privaten Grundstücken wie Parkplätzen oder Baustellen, die meist von Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Da die Häuschen auf Rollen gebaut sind, sind sie kein festes Bauwerk und brauchen keine Baugenehmigung. Mit den Unternehmen vereinbart Lüdecke folgenden Deal: Die Little Homes dürfen auf den privaten Grundstücken stehen, im Gegenzug passen die Bewohner:innen auf die Autos auf den Parkplätzen auf oder bewachen nachts die Baustellen. “Das ist eine Win-win-Situation für alle”, sagt Lüdecke.

Ein cleverer Tauschdeal: Parkwächter gegen Stellplatz. Foto: Was Gutes e.V.

In Zukunft sollen die Little Homes nicht mehr drei, sondern sechs Quadratmeter groß gebaut werden, da sie so vom TÜV abgenommen und Teil des Straßenverkehrs werden können. Die Häuschen dürfen dann auch auf Park and Ride Parkplätzen stehen. 

Ändern die Little Homes etwas an dem Problem der Obdachlosigkeit?
“Wir haben 124 Menschen mit diesen kleinen Häuschen ins Leben zurückgeholt. Ich glaube in so kurzer Zeit kann man so intensiv nirgendwo anders helfen. Und selbst wenn ich 1.000 Häuschen baue und nur einer nutzt die Chance, ist es mir die Arbeit wert”, sagt Lüdecke. 

Natürlich hätten wir gern auch selbst mit einem der Bewohner gesprochen. Lüdecke wollte ein Treffen aber lieber nicht vermitteln, damit die Menschen ihre Ruhe haben.

Stattdessen haben wir mit Petra Hastenteufel gesprochen. Sie ist Streetworkerin in Köln und arbeitet auch mit Menschen, die in Little Homes wohnen. Die Ansprüche und Wünsche der Menschen seien sehr verschieden, da solle man nicht verallgemeinern, sagt sie. „Weil es Menschen gibt, die seit Jahren in diesen Tiny Houses wohnen, glaube ich, dass das für einige ein gutes Konzept ist. Für andere würde sich das anfühlen wie in einer Hundehütte zu leben.” Dass obdachlose Menschen vom Little Home in eine eigene Wohnung ziehen, hat Hastenteufel zwei mal erlebt. Ob das Tiny House dabei geholfen hat? Sie ist unsicher: “Ich würde nicht sagen, nur weil man in einem Tiny House wohnt, hat man mehr Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Weil im Endeffekt ist man immer noch wohnungslos.”

Auch Lüdecke glaubt nicht, dass die Holzhütten das Problem alleine lösen können. Vor allem müsse die Politik aktiv werden. Auf der einen Seite will Lüdecke also obdachlosen Menschen helfen, auf der anderen Seite sieht er selbst ehrenamtliche Projekte wie Little Home kritisch, da sie den Staat aus der Verantwortung nehmen könnten.

»Wenn es aus der Politik irgendwann heißt ‚In Deutschland muss keiner auf der Straße schlafen, wir haben ja die Little Homes‘, dann hätten wir versagt.«

Sven Lüdecke, Gründer Little Home e.V.

Und was macht der Staat?

Das Bundesinnenministerium teilt auf Anfrage von Flip mit: “Für bestimmte von Wohnungslosigkeit bedrohte Personengruppen erscheinen Ansätze von Housing first erfolgversprechend.” Die Verantwortung liege allerdings bei den Kommunen. In Städten wie Berlin, Hamburg oder Leipzig gibt es bereits Modellprojekte. Ein Umdenken im großen Stil ist bisher aber nicht zu beobachten.

Fairerweise muss man allerdings auch sagen, dass der Housing-First-Ansatz wissenschaftlich noch nicht abschließend untersucht ist. Die Erfahrungen aus Finnland sind ermutigend. Auch kommen die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen, etwa zu Projekten aus Belgien, zu einem positiven Ergebnis. Es gibt aber auch Studien, die den langfristigen Effekt bezweifeln. So hat der deutsche Ökonom Daniel Kühnle zusammen mit Kolleg:innen ein Projekt im australischen Melbourne genauer unter die Lupe genommen. Auch dort gab es zunächst positive Effekte. Nach sechs Jahren waren diese allerdings wieder verschwunden. Die FAZ hat in einem Artikel darüber berichtet.

Everdrop - was sagen die Experten

Und was sagt der Experte?

Volker Busch-Geertsema ist Projektleiter bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. und forscht seit Jahren zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Zu den Little Homes sagt er:

»Auf individueller Ebene können die kleinen Holzhäuschen erstmal eine gute Unterbringung sein. Das Problem der Obdachlosigkeit kann man damit aber nicht lösen. Obdachlose brauchen keine Tiny Houses von Ehrenamtlichen, sondern vor allem eine richtige Wohnung und professionelle soziale Begleitung.«

Sonderwohnformen wie die Little Homes könnten einzelnen Menschen durchaus helfen, aus struktureller Perspektive sehe er sie aber kritisch, da sie das Problem nicht lösen und die Gefahr bestünde, dass die Politik aus der Verantwortung genommen wird. Menschen, die sich gegen Obdachlosigkeit engagieren wollen, rät er deshalb vor allem, vor Ort Bündnisse zu gründen und Druck auf die Politik auszuüben.

»Es ist wichtig, einen politischen Willen zu erzeugen: Obdachlosigkeit nicht nur zu verwalten, sondern tatsächlich etwas dagegen zu tun.«

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